Kategorie: Im Rückspiegel

  • Ausgekommen!!!

    Der kleine Soldat war eigentlich kein ganz kleiner. Im Gegenteil. Manche meinten, er wäre ein langer Lulatsch. Und eigentlich zu Grösserem geeignet. Er ist auch jetzt noch überdurchschnittlich groß. Wenn auch schon etwas eingegangen, denn der scharfe Zahn der Zeit ließ ihn schrumpfen. Damals allerdings war er noch schlank und rank. Und er erinnert sich:

    “ Ja hast Du denn gedacht ausgerechnet unser Bub kommt denen aus?“ So sagte mein Vater zu meiner Mutter. Sie war schreckensbleich geworden, als ich meinen Eltern den an mich gerichteten „Blauen Brief“ überreicht hatte. Er enthielt den Einberufungsbefehl zum“Reichsarbeitsdienst“. Zur Illustration der Lage zu Neujahr 1943: Rommels Afrikakorps hatte eine vernichtende Niederlage bei El Alamein erlitten und befand sich auf der Flucht nach Tunesien und die lange schon vernichtete Sowjetarmee war wiedererstanden und hatte die Deutsche 6. Armee in Stalingrad eingeschlossen. Die gesamte zerfetzte Südfront rollte zurück. Kein Zweifel- 2 Armeen kaputt- der „Führer“ schrie nach Soldaten. Und der RAD war ja bereits die Vorstufe dazu. Da lernten junge Menschen Disziplin und Ordnung, machten sogar noch nützliche Arbeit. Vor allem aber lernten sie gegebenen Befehlen zu gehorchen , wurden willige Werkzeuge der Machthaber. Mir war das natürlich überhaupt nicht recht, wurde ich doch aus der grade begonnenen Ausbildung herausgerissen. Aber wer fragte damals schon nach so einer Lapallie, wo doch das deutsche Volk seinen Schicksalskampf führte.

    Mit reichlich gemischten Gefühlen folgte ich also dem Einberufungsbefehl. Am Wiener Nordbahnhof wurde ich in einen Zug gesetzt, der mich nach Gmünd brachte. Dort hiess es aussteigen und ein unifomierter Arbeitsdienst-Unterführer sammelte nach einer Liste die angekommene Mannschaft und verfrachtete uns in ein Schmalspurbähnle. Es gibt heute noch in Gmünd eine solche Schmalspurbahn. Aber sie fährt in die andere Richtung- nach Weitra und Groß-Gerungs. Jene Bahn mit der ich damals weiterfuhr existiert schon lange nicht mehr. Sie wurde bald nach dem Krieg aufgelassen. Sie führte über Litschau in den südböhmischen Ort Neubistritz. Wir bekamen einen Güterwaggon zugewiesen in dem schon ein Arbeitsdienstmann Dienst machte. Einrichtung gab es keine, ausser niedere Holzraste auf denen wir uns mitsamt Gepäck niederliessen. In der Mitte des Waggons aber war ein kleines Kanonenöfchen, das wunderbar bullerte. Das war auch notwendig, denn es war bitterkalt. Kein Wunder, dass wir sehr darauf achteten, dass das kleine Öfchen immer genügend Nahrung erhielt. Wir froren trotzdem genug bis wir nach langer Rumpelei in Neubistritz anlangten. In langer Reihe marschierten wir dann- noch ganz unmilitärisch- auf einem Sträßchen etwa 4 Kilometer weiter, bis an der linken Strassenseite etwas erhöht das RAD-Lager sichtbar wurde. Es dauerte nicht lange und aus dem zivilen Sauhaufen war ein funktionierendes Gebilde geworden. Kein Zweifel- das waren Profis. Die Unteroffiziere hiessen Truppführer und die Offiziere waren Feldmeister- oder so ähnlich und bereits nach einer Woche, klappte bereits Antreten zum Appell und das Exerzieren mit dem Spaten und die Stubenordnung und der Bettenbau und was weiss ich noch alles. Jeder der selbst so einen Zauber schon mitgemacht hat, weiss ohnehin wovon ich rede. Nach vier Wochen fand die Führung waren wir reif zum Gelöbnis und das kam einer Vereidigung recht nahe. Waren wir bisher eingesperrt, konnten wir danach in den Ort ausgehen, wenn dienstfrei und kamen nun auch zum Arbeitseinsatz im Aussendienst. Dazu bewegten wir uns per Rad zur Arbeitsstelle. Na das war was für meines Vaters Sohn. Ich zum allererstenmal auf einem Fahrrad- und dazu mit einem Spaten in der Hand!!! Ich habe damals sicherlich meinen damaligen Kameraden viel Gelegenheit zum Lachen gegeben- unfreiwillig natürlich. Wir bauten befestigte Forststrassen in den riesigen Forsten zwischen Schamers und Neuhaus. Heute heisst die kleine Stadt Jindrichov Hradec. Ich weiss heute noch genau welche Arbeitsgänge nötig waren um aus grundlosen Fahrrillen einen ordentlichen Forstweg werden zu lassen. Sag mir keiner, das wäre zu nichts nütze gewesen- nur ich habe keinen Forstweg mehr gebaut.

    Soweit so gut- Ich schrieb nach Hause, bekam ein par Sachen geschickt- darunter Rasierzeug, denn auf Geheiss meiner Obrigkeit musste ich mir die paar Bartsprossen abschaben. Ich bekam auch Besuch. Meine Mutter erwartete mich in Neubistritz in der Konditorei. Oh Wunder, sie hatte sogar mein Mädchen mitgebracht und das obwohl sie sich mit Händen und Füssen gegen eine Verbindung mit ihr gewehrt hatte. Das war damals möglich, denn Neubistritz gehörte damals zum Reichsgau Oberdonau- Österreich durfte man ja nicht mehr sagen also statt Oberösterreich eben Oberdonau. Der Jammer an der ganzen Sache war der: Ich bin kein ordentlicher Mensch geworden. Denn immer wieder fand der kontrollierende Truppführer , dass meine Decke nicht richtig gefaltet war, dass meine Unterhosen falsch im Spind lagen oder dass mein Zahnputzbecher schlecht ausgewaschen war. Dafür gab es den sogenannten Stubenarrest- gleichbedeutend damit, dass man ein Wochenende lang den Putztrottel für die Stube machen musste. Das geschah mir ziemlich häufig und trotzdem war ich in meiner Stube recht beliebt. Warum kann ich eigentlich heute nicht mehr sagen. Anfang Februar war es dann soweit. Stalingrad stellte den Widerstand ein und kapitulierte. Ich hatte am nächsten Tag Torwache und was war die Parole? Richtig! Stalingrad war die Parole.

    Es waren drei Monate vorgesehen zur Ausbildung als Arbeitsmann. Danach sollte die Entlassung erfolgen und kurz darauf die Einberufung zur Wehrmacht. Es waren nur mehr zwei Wochen bis dahin und da waren im Lager Hutz und Putz angesagt. Alles sollte am Schnürchen klappen- also mühte man sich. Erwartet hatten wir eine höhere Arbeitsdienstkontrolle. Die war auch da. ABER IN BEGLEITUNG EINES SS-FÜHRERS. Am Abend vorher wurde ich zu einem Obertruppführer in sein Zimmer befohlen. Er fragte mich ob ich etwas gegen eine Weiterverwendung als Arbeitsdienst Unterführer hätte. Ich sagte schweren Herzens zu, denn das bedeutete sicher irgendwohin auf einen Lehrgang versetzt zu werden. Und dann kam die SS! Und als der schwarze Totenkopfmann durch die Reihen ging sah er mit Wohlgefallen auf den langen Lulatsch. Den Ersten im ersten Glied. Den hätten wir gern- meinte er. Aber da war der Obertruppführer Polisenski da und hob abwehrend die Hand: Der Mann ist zum Truppführerlehrgang abzustellen. Ich kann mir vorstellen, dass der Totenkopf geknurrt hat. Kein Mensch mehr hat was von Truppführerschule von mir gewollt. Ich fuhr nach Hause wie geplant. Vater schlug die Hände über dem Kopf zusammen:“Hast du ein Massel ghabt Bua!“ Klar- gerne hätte er mich wirklich nicht gesehen als SS-Mann.

    Aus dem Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht vom 6.Januar 1943:
    …Weiter wird die Sicherstellung des Ersatzes für die vom Führer angeordnete Aufstellung von 2 neuen SS-Divisionen befohlen…Hierzu solen 27 000 Mann des Geb.-Jg 25 durch Werbung im RAD gewonnen werden… Der Reichsarbeitsführer wird um Mithilfe bei der Werbung des Geb.Jg 25 gebeten.

    Ich glaube, nachdem ich dies viele Jahre später gelesen habe- der Obertruppführer Polisenski hatte was gegen den Reichsarbeisführer- oder gegen die SS.

  • O bella Italia!

    Ganz unmöglich ist es ja nicht, dass sich jemand für das Weiterleben jenes jungen Soldaten interessiert, der da mit soviel Glück -zumindest vorläufig- dem unerbittlichen, hassvollen Ringen im Osten entronnen war. In „Ein Schritt vorwärts“ hatte ich bereits angedeutet, dass seine Marschorder nach Payerbach gerichtet war. Vorher aber musste er „feldmarschmässig“ ausgerüstet werden und das geschah in Wien in der Rossauerkaserne. Es war wohl selbstverständlich, dass der Soldat bei seinen Eltern vorbeischaute um sich zu verabschieden. Vater fuhr mit auf den Südbahnhof. Er hatte verhindert, dass Mutter mitfuhr und sie angefahren:“ Mochs dem Buam net no schwerer! Bleib do!“ Und sie gehorchte ihm. Als ich ging sass sie in der kleinen Küche und hatte ein Nackedeibild von mir vor den verweinten Augen. „Gemma!“ sagte Vater barsch und sie tat mir ungeheuer leid. Auf der Fahrt mit dem 18er zum Südbahnhof sprachen wir gar nichts. Vater war kein grosser Redner, aber wenn er was sagte, dann hatte das Gewicht. Es war ein langer Zug, voll mit hauptsächlich Soldaten und ich hatte mein Abteil ganz weit draussen ausserhalb der Halle. Ich hatte mein Gepäck hineingeworfen und trat ihm noch einmal gegenüber. Wir waren gleich gross und sahen uns in die Augen. Gar nicht als Vater und Sohn, sondern von Mann zu Mann. Dann legte sich seine Hand auf meine Schulter, die schwere Arbeiterhand. Eine Hand, die mich wohl gestraft und nie- wirklich nie?- gestreichelt hat. Ihr Druck wurde fast unerträglich und da war wieder der Vater in seinen Augen:“Kumm zruck Bua.“ Und nach einer Weile, fast verzweifelt:“ Wurscht wia!“ Dann liess er mich los und ging. Nach ein paar Schritten drehte er sich um und hob die Hand zum Abschied.

    Es stellte sich heraus, dass meine Reisegenossen im Abteil das gleiche Ziel wie ich hatten: Das Ausrüstungslager für Scharfschützen. Dort erhielten wir alle die Dinge, die man eben als Scharfschütze so notwendig braucht. Und das waren ein Zielfernrohr, das dazu gehörende noch zu justierende Gewehr, ein Fernglas und Tarnmaterial. Glück zum Überleben konnte man leider nicht ausfassen. Nach Erledigung all dieser Dinge stand der Verwendung als zukünftiges Kanonenfutter nichts mehr im Wege. Der neue Marschbefehl lautete Bahnhofskommandatur Bologna. Wir waren wieder beisammengeblieben und hatten uns schon recht angefreundet und sahen mit der Zuversicht junger Menschen der noch ungewissen Zukunft entgegen. Ich war zwar schon beim Arbeitsdienst in Südböhmen gewesen, dann in der Rekrutenzeit in Brünn, in Nikolsburg und dann wie schon erwähnt in Ungarisch Hradisch, aber so weit von zuhause fort war ich noch nie gewesen und dann noch Italien!! Vater kannte die ganze Donau, er war in der Schweiz und in Savoyen, aber Italien, das war schon was. Ich sah beim Vorbeifahren das breite Bett der Fella, wunderte mich über soviel Schotter und dann erst auf der Tagliamentobrücke. Die hatten ja mehr Schotter als Wasser. Die italienischen Zwangsarbeiter, die auf Urlaub heimfuhren sangen ein übers anderemal „Oh mia bella Napoli“ und sonst noch was über Bella Italia und irgendwie konnte ich diese Leute verstehen. Sie fuhren nach Hause und plötzlich wurde mein Herz schwer, denn ich dachte daran ob ich wieder einmal den umgekehrten Weg fahren werde. Aber alles war vergessen, als ich dem Bahnhofoffizier in Bologna meinen Marschbefehl vorlegte. Von jetzt an war alles anders.

  • Ein Schritt vorwärts

    Menschen, die es eilig haben sollten diesen Beitrag lieber links liegen lassen. Es wird nämlich eine längere Geschichte. Eine Neujahrgeschichte.

    Für Soldaten sind Weihnachtsfeiertage eher traurige Tage. Besonders in Kriegszeiten, wo man sowieso schon nichts zu lachen hat. Und noch dazu in einer Gegend in der man nicht besonders erbaut war, wenn man Soldaten der Besatzungsmacht sah. So war es auch zur Jahreswende von 1943 auf 1944 nahe der slowakischen Grenze in einem Landstädtchen das man damals Ungarisch-Hradisch nannte. Unter diesem Namen findet man es heute nicht mehr auf der Landkarte, denn es hat wieder den Namen angenommen, mit dem es die Einheimischen schon immer nannten: Uherske Hradiste mit zwei Hatscheks auf den beiden s, die man in der deutschen Schreibmaschinentastatur vergeblich sucht. Der Kontakt zur Zivilbevölkerung war minimal und auch von der feldgrauen Obrigkeit nicht gerne gesehen. Ein grosser Platz mit Kirche, ein paar Gasthäuser und eine gute Konditorei, die auch von Wehrmachtsangehörigen besucht wurde, denn dort gab es -markenfrei- noch köstliche Backwaren. Sie waren auch die einzigen Berührungspunkte mit der mährischen Bevölkerung. Am Nordwestende des Städtchens befand sich eine grosse Kaserne noch aus der Zeit als das Land sein eigenes Militär hatte und da waren zwei oder sogar drei Infanterieeinheiten einquartiert, die dort zum Einsatz an der Front vorbereitet wurden. das ganze hiess sich Marschkompanie. Zweimal am Tag Gefechtsdienst, Wache schieben und wenn man dienstfrei hatte Gasthaus oder Konditorei. Wegen der Feiertage reduzierte sich am heiligen Abend und am Christtag

    der Gefechtsdienst auf einmal rumkriechen im schlammigen Gelände. In den muffigen schlecht geheizten Stuben dufteten Weihnachtszweige mit Kerzen dran und die Marketenderei ergoss über das zukünftige Kanonenfutter eine ausserordentliche Zuteilung von Alkoholika und Rauchwaren. Der grösste Teil des Stammpersonals- Offiziere und Unteroffiziere- hatten Weihnachtsurlaub erhalten und der Umgangston war etwas weniger rauh und ordinär. Trotzdem hiess es immer um 22 Uhr: Zapfenstreich und in die Falle. Aber am Sylvesterabend gab es neuerliche Gaben von der Marketenderei und es wurde durch den Offizier vom Dienst beim abendlichen „Appell“ verlautbart, dass erst um 2 Uhr früh „Licht aus“ befohlen wird. Damit wir das neue Jahr auch richtig begrüssen konnten. Für viele das letzte Neujahr in diesem Leben, aber das wussten sie besser nicht. Die allgemeine Fröhlichkeit war überwältigend und man ging mit einem Glas oder einer Flasche in der Hand von Freund zu Freund um mit ihm anzustossen. Gar mancher hatte etwas zuviel gesoffen und am nächsten Morgen pfiff der Unteroffizier vom Dienst- der meistens nur ein Gefreiter war- mitleidlos um 6 Uhr früh: „Aufstehen“. Was bedeutete, dass die Feiertage vorbei waren und der triste Kasernenalltag wieder eingekehrt war.

    Als die Kompanie in der oft geübten Ordnung zum Morgenappell angetreten war schritt der OvD durch die Reihen der teilweise noch schlaftrunkenen Gestalten. An seinem mokanten Grinsen konnte man erkennen, dass es ihm richtig Freude bereitete, den müden Figuren einen schönen, ordentlichen Gefechtsdienst zu verpassen damit sie wieder Lebensgeister bekommen. Er war noch recht jung- vielleicht 24 Jahre alt oder vielleicht sogar noch ein Jahr jünger. Er stammte aus Ostpreussen und war allseits unbeliebt, weil er ein ordentlicher Schinder war. Er hatte die gesamten Weihnachtsfeiertage in der Kaserne verbracht und von Feiertagsstimmung war bei ihm wirklich nichts mehr zu bemerken. Nachdem er beim Durchschreiten da oder dort Unregelmässigkeiten der Kleidung bemängelt, mehr aber noch Unkorrektheiten der Haltung kritisiert hatte, baute er sich vor uns auf und schmetterte: „Wer noch nicht richtig ausgeschlafen ist- ein Schritt vortreten“. Die Kompanie stand wie eine Mauer. Vom Gangaufwaschen bis zum Latrinensäubern war alles zu erwarten, wenn man sich da meldete- nein, da war der Gefechtsdienst schon noch besser. Aber da – was war das: Da trat doch tatsächlich der Lange aus dem ersten Glied vor. Na, den erwartete was. Der Oberleutnant stiefelte heran, sah dem Schützen A…. scharf ins Gesicht: „Sooo, Sie sind also noch schläfrig!“ Der Schütze erwartete nun seine Strafe.

    Nach einem „Jawoll, Herr Oberleutnant“, drehte der Offizier um, trat einen Schritt zurück und sagte in mildem, versöhnlichen Ton:“ Na, dann gehn Sie auf ihre Stube, legen sich hin und schlafen bis Mittag“.

    Der Schütze tat wie ihm befohlen unter den bewundernden Blicken, sowohl der Unteroffiziere, aber noch mehr seiner Kameraden, die zum Gefechtsdienst ausrückten. Aber während er sich seiner Uniform entledigte, um in sein Lager zu klettern und dem Befehl Folge zu leisten dachte er: „Er ist trotzdem ein Arschloch- ein sturer ostpreussischer Kommissknopf“.

    Damit wäre die Geschichte eigentlich erzählt. Abr der Schritt vorwärts hatte Folgen. Abgesehen davon, dass die Unteroffiziere nicht mehr so genau die Wäschekanten im Spind prüften und die Falten der Decke auf seiner Liegestatt übersahen, wurde er nicht mehr zum Stubendienst befohlen und die Kameraden machten gerne Platz, wenn er sich zu ihnen am Esstisch gesellte und Kaffeholen musste er auch nicht mehr. Als der Oberleutnant ein paar Tage später wieder Dienst hatte, blieb er vor dem Schützen beim Morgenappell stehen:“ Sie melden sich nach dem Wegtreten in der Schreibstube“—„Heiliger Bimbam, was hab ich denn angestellt, dass ich zu den Schreibhengsten muss“. Wenige Minuten später hatte der Schütze einen Marschbefehl in der Hand, der ihn zu einem Schilehrgang auf die Rax befahl. Juchu! Das war ja fast wie Heimaturlaub- aber auf jeden Fall weg von der öden Kaserne und ihrem noch öderen Drill. Der Schütze war in seinem Leben noch nie auf Schiern gestanden und es waren ereignisreiche Tage, die er auf dem Karl-Ludwighaus verlebte. Man lernte ihm, wie er sich auf Schiern durch den russischen Winter schlagen konnte. Mit fadem Gefühl gliederte sich der Schütze wieder in den Kasernenbetrieb ein. Der Oberleutnant begrüsste ihn mit einem knappen „Aha, auch wieder da“. Es möge vielleicht eine Woche später gewesen sein, da blieb der Oberleutnant wieder vor dem Schützen stehen. Der dachte:“Na, jetzt hat er den Bericht über mein Verhalten auf dem Skikurs bekommen. Und berühmt bin ich ja dort wirklich nicht geworden!“ Aber nein! „Sie haben doch in Ihrer Ausbildungszeit in Brünn an einem Preisschiessen teilgenommen und einen Preis gewonnen!“-„Jawoll, Herr Oberleutnant“. Wenig später sass ich auf der Bahn mit einem Marschbefehl zu einem Schützenlehrgang in Bruck an der Leitha im Soldbuch. Juchu- schon wieder Heimaturlaub. Diesmal waren es gleich sechs Wochen und jedes Wochenende daheim bei Mutti.

    Aber auch diese Zeit ging vorbei und ich musste zurück zur Ersatzkompanie. Die Kaserne war leerer geworden, denn gut die Hälfte war bereits auf dem Weg in die Menschenvernichtung. Meine Stubenkameraden waren noch da und ja- der Oberleutnant auch. Aber man rechnete täglich damit, dass der Marschbefehl an die Ostfront kommen werde. Man wird es nicht glauben, aber die Geschichte wiederholt sich noch einmal. Der Oberleutnant schickte den Schützen noch einmal in die Schreibstube.“ Weil Sie so gute Ergebnisse beim Schützenlehrgang hatten“ schnarrte er. Diesmal war es der Scharfschützenlehrgang im gleichen Ort wie vorhin. Wieder Urlaub und zu Hause bei Mutters Kochtöpfen. Dazu beim gemütlichsten Verein den es in der deutschen Wehrmacht wohl gab. Nur ein Umstand sei genannt: Es war verpönt im Gleichschritt zu gehen und das Gewehr wurde so getragen, wie es die Jäger tragen.

    Als der Schütze nach neuerlichen sechs wochen wieder zu seiner Kaserne zurückkehrte, war die Kaserne fast leer. Nur die Schreibstube war noch da und bei ihr ein Marschbefehl zum Ausrüstungslager der Scharfschützen in Payerbach. Den Oberleutnant hat der Schütze nie wieder gesehen.

    Kann sein, dass er im Gesicht des jungen Soldaten den Mut zum Risiko gelesen hat, den Mut einen Schritt zutun, den niemand sonst tut. Dinge, die der junge Soldat noch lange nicht erkannt hatte und die er sich erst mühsam selbst erklären musste. Es kann sein, dass der Oberleutnant den Scheisskrieg überlebt hat und auf der militärischen Stufenleiter hinaufgeklettert ist. Kann sein, dass er irgendwo in den Wäldern oder Sümpfen Russlands geblieben ist. Kann sein, dass er gar kein so sturer, ostpreussischer Kommisknopf war. Kann sein, dass er nie einen Orden bekommen hat. Jetzt bekommt er einen:

    Danke, Herr Oberleutnant Schilhavsky

    Ich sagte ja- es ist eine lange Geschichte und wer glaubt, dass sie gut ausgedacht ist- der irrt sich.