{"id":38,"date":"2007-01-03T20:21:28","date_gmt":"2007-01-03T19:21:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einvoll.net\/opa\/?p=38"},"modified":"2009-02-22T08:15:26","modified_gmt":"2009-02-22T06:15:26","slug":"ein-schritt-vorwarts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/opa.holzer.work\/?p=38","title":{"rendered":"Ein Schritt vorw\u00e4rts"},"content":{"rendered":"<p>Menschen, die es eilig haben sollten diesen Beitrag lieber links liegen lassen. Es wird n\u00e4mlich eine l\u00e4ngere Geschichte. Eine Neujahrgeschichte.<\/p>\n<p>F\u00fcr Soldaten sind Weihnachtsfeiertage eher traurige Tage. Besonders in Kriegszeiten, wo man sowieso schon nichts zu lachen hat. Und noch dazu in einer Gegend in der man  nicht besonders erbaut war, wenn man Soldaten der Besatzungsmacht sah. So war es auch zur Jahreswende von 1943 auf 1944 nahe der slowakischen Grenze in einem Landst\u00e4dtchen das man damals Ungarisch-Hradisch nannte. Unter diesem  Namen findet man es heute nicht  mehr auf der Landkarte, denn  es hat wieder den Namen angenommen, mit dem es die Einheimischen schon immer nannten: Uherske Hradiste mit zwei Hatscheks auf den beiden s, die man in der deutschen Schreibmaschinentastatur vergeblich sucht. Der Kontakt zur Zivilbev\u00f6lkerung war minimal und auch von der feldgrauen Obrigkeit nicht gerne gesehen. Ein grosser Platz mit Kirche, ein paar Gasth\u00e4user und eine gute Konditorei, die auch von Wehrmachtsangeh\u00f6rigen besucht wurde, denn dort gab es -markenfrei- noch k\u00f6stliche Backwaren. Sie waren auch die einzigen Ber\u00fchrungspunkte mit der m\u00e4hrischen Bev\u00f6lkerung. Am Nordwestende des St\u00e4dtchens befand sich eine grosse Kaserne noch aus der Zeit als das Land sein eigenes Milit\u00e4r hatte und da waren zwei oder sogar drei Infanterieeinheiten einquartiert, die dort zum Einsatz an der Front vorbereitet wurden. das ganze hiess sich Marschkompanie. Zweimal am Tag Gefechtsdienst, Wache schieben und wenn man dienstfrei hatte Gasthaus oder Konditorei. Wegen der Feiertage reduzierte sich am heiligen Abend und am Christtag<\/p>\n<p>der Gefechtsdienst auf einmal rumkriechen im schlammigen Gel\u00e4nde. In den muffigen schlecht geheizten Stuben dufteten Weihnachtszweige mit Kerzen dran und die Marketenderei ergoss \u00fcber das zuk\u00fcnftige Kanonenfutter eine ausserordentliche Zuteilung von Alkoholika und Rauchwaren. Der gr\u00f6sste Teil des Stammpersonals- Offiziere und Unteroffiziere- hatten Weihnachtsurlaub erhalten und der Umgangston war etwas weniger rauh und ordin\u00e4r. Trotzdem hiess es immer um 22 Uhr: Zapfenstreich und in die Falle. Aber am Sylvesterabend gab es neuerliche Gaben von der Marketenderei und es wurde durch den Offizier vom Dienst beim abendlichen &#8222;Appell&#8220; verlautbart, dass erst um 2 Uhr fr\u00fch &#8222;Licht aus&#8220; befohlen wird. Damit wir das neue Jahr auch richtig begr\u00fcssen konnten. F\u00fcr viele das letzte Neujahr in diesem Leben, aber das wussten sie besser nicht. Die allgemeine Fr\u00f6hlichkeit war \u00fcberw\u00e4ltigend und man ging mit einem Glas oder einer Flasche in der Hand von Freund zu Freund um mit ihm anzustossen. Gar mancher hatte etwas zuviel gesoffen und am n\u00e4chsten Morgen pfiff der Unteroffizier vom Dienst- der meistens nur ein Gefreiter war- mitleidlos um 6 Uhr fr\u00fch: &#8222;Aufstehen&#8220;. Was bedeutete, dass die Feiertage vorbei waren und der triste Kasernenalltag wieder eingekehrt war.<\/p>\n<p>Als die Kompanie in der oft ge\u00fcbten Ordnung zum Morgenappell angetreten war schritt der OvD durch die Reihen der teilweise noch schlaftrunkenen Gestalten. An seinem mokanten Grinsen konnte man erkennen, dass es ihm richtig Freude bereitete, den m\u00fcden Figuren einen sch\u00f6nen, ordentlichen Gefechtsdienst zu verpassen damit sie wieder Lebensgeister bekommen. Er war noch recht jung- vielleicht 24 Jahre alt oder vielleicht sogar noch ein Jahr j\u00fcnger. Er stammte aus Ostpreussen und war allseits unbeliebt, weil er ein ordentlicher Schinder war. Er hatte die gesamten Weihnachtsfeiertage in der Kaserne verbracht und von Feiertagsstimmung war bei ihm wirklich nichts mehr zu bemerken. Nachdem er beim Durchschreiten da oder dort Unregelm\u00e4ssigkeiten der Kleidung bem\u00e4ngelt, mehr aber noch Unkorrektheiten der Haltung kritisiert hatte, baute er sich vor uns auf und schmetterte: &#8222;Wer noch nicht richtig ausgeschlafen ist- ein Schritt vortreten&#8220;. Die Kompanie stand wie eine Mauer. Vom Gangaufwaschen bis zum Latrinens\u00e4ubern war alles zu erwarten, wenn man sich da meldete- nein, da war der Gefechtsdienst schon noch besser. Aber da &#8211; was war das: Da trat doch tats\u00e4chlich der Lange aus dem ersten Glied vor. Na, den erwartete was. Der Oberleutnant stiefelte heran, sah dem Sch\u00fctzen A&#8230;. scharf ins Gesicht: &#8222;Sooo, Sie sind also noch schl\u00e4frig!&#8220; Der Sch\u00fctze erwartete nun seine Strafe.<\/p>\n<p>Nach einem &#8222;Jawoll, Herr Oberleutnant&#8220;, drehte der Offizier um, trat einen Schritt zur\u00fcck und sagte in mildem, vers\u00f6hnlichen Ton:&#8220; Na, dann gehn Sie auf ihre Stube, legen sich hin und schlafen bis Mittag&#8220;.<\/p>\n<p>Der Sch\u00fctze tat wie ihm befohlen unter den bewundernden Blicken, sowohl der Unteroffiziere, aber noch mehr seiner Kameraden, die zum Gefechtsdienst ausr\u00fcckten. Aber w\u00e4hrend er sich seiner Uniform entledigte, um in sein Lager zu klettern und dem Befehl Folge zu leisten dachte er: &#8222;Er ist trotzdem ein Arschloch- ein sturer ostpreussischer Kommissknopf&#8220;.<\/p>\n<p>Damit w\u00e4re die Geschichte eigentlich erz\u00e4hlt. Abr der Schritt vorw\u00e4rts hatte Folgen. Abgesehen davon, dass die Unteroffiziere nicht mehr so genau die W\u00e4schekanten im Spind pr\u00fcften und die Falten der Decke auf seiner Liegestatt \u00fcbersahen, wurde er nicht mehr zum Stubendienst befohlen und die Kameraden machten gerne Platz, wenn er sich zu ihnen am Esstisch gesellte und Kaffeholen musste er auch nicht mehr. Als der Oberleutnant ein paar Tage sp\u00e4ter wieder Dienst hatte, blieb er vor dem Sch\u00fctzen beim Morgenappell stehen:&#8220; Sie melden sich nach dem Wegtreten in der Schreibstube&#8220;&#8212;&#8222;Heiliger Bimbam, was hab ich denn angestellt, dass ich zu den Schreibhengsten muss&#8220;. Wenige Minuten sp\u00e4ter hatte der Sch\u00fctze einen Marschbefehl in der Hand, der ihn zu einem Schilehrgang auf die Rax befahl. Juchu! Das war ja fast wie Heimaturlaub- aber auf jeden Fall weg von der \u00f6den Kaserne und ihrem noch \u00f6deren Drill. Der Sch\u00fctze war in seinem Leben noch nie auf Schiern gestanden und es waren ereignisreiche Tage, die er auf dem Karl-Ludwighaus verlebte.  Man lernte ihm, wie er sich auf Schiern durch den russischen Winter schlagen konnte. Mit  fadem Gef\u00fchl gliederte sich der Sch\u00fctze wieder in den Kasernenbetrieb ein. Der Oberleutnant begr\u00fcsste ihn mit einem knappen &#8222;Aha, auch wieder da&#8220;. Es m\u00f6ge vielleicht eine Woche sp\u00e4ter gewesen sein, da blieb der Oberleutnant wieder vor dem Sch\u00fctzen stehen. Der dachte:&#8220;Na, jetzt hat er den Bericht \u00fcber mein Verhalten auf dem Skikurs bekommen. Und ber\u00fchmt bin ich ja dort wirklich nicht geworden!&#8220; Aber nein! &#8222;Sie haben doch in Ihrer Ausbildungszeit in Br\u00fcnn an einem Preisschiessen teilgenommen und einen Preis gewonnen!&#8220;-&#8222;Jawoll, Herr Oberleutnant&#8220;. Wenig sp\u00e4ter sass ich auf der Bahn mit einem Marschbefehl zu einem Sch\u00fctzenlehrgang in Bruck an der Leitha im Soldbuch. Juchu- schon wieder Heimaturlaub. Diesmal waren es gleich sechs Wochen und jedes Wochenende daheim bei Mutti.<\/p>\n<p>Aber auch diese Zeit ging vorbei und ich musste zur\u00fcck zur Ersatzkompanie. Die Kaserne war leerer geworden, denn gut die H\u00e4lfte war bereits auf dem Weg in die Menschenvernichtung. Meine Stubenkameraden waren noch da und ja- der Oberleutnant auch. Aber man rechnete t\u00e4glich damit, dass der Marschbefehl an die Ostfront kommen werde. Man wird es nicht glauben, aber die Geschichte wiederholt sich noch einmal. Der Oberleutnant schickte den Sch\u00fctzen noch einmal in die Schreibstube.&#8220; Weil Sie so gute Ergebnisse beim Sch\u00fctzenlehrgang hatten&#8220; schnarrte er. Diesmal war es der Scharfsch\u00fctzenlehrgang im gleichen Ort wie vorhin. Wieder Urlaub und zu Hause bei Mutters Kocht\u00f6pfen. Dazu beim gem\u00fctlichsten Verein den es in der deutschen Wehrmacht wohl gab. Nur ein Umstand sei genannt: Es war verp\u00f6nt im Gleichschritt zu gehen und das Gewehr wurde so getragen, wie es die J\u00e4ger tragen.<\/p>\n<p>Als der Sch\u00fctze nach neuerlichen sechs wochen wieder zu seiner Kaserne zur\u00fcckkehrte, war die Kaserne fast leer. Nur die Schreibstube war noch da und bei ihr ein Marschbefehl zum Ausr\u00fcstungslager der Scharfsch\u00fctzen in Payerbach. Den Oberleutnant hat der Sch\u00fctze nie wieder gesehen.<\/p>\n<p>Kann sein, dass er im Gesicht des jungen Soldaten den Mut zum Risiko gelesen hat, den Mut einen Schritt zutun, den niemand sonst tut. Dinge, die der junge Soldat noch lange nicht erkannt hatte und die er sich erst m\u00fchsam selbst erkl\u00e4ren musste. Es kann sein, dass der Oberleutnant den Scheisskrieg \u00fcberlebt hat und auf der milit\u00e4rischen Stufenleiter hinaufgeklettert ist. Kann sein, dass er irgendwo in den W\u00e4ldern oder S\u00fcmpfen Russlands geblieben ist. Kann sein, dass er gar kein so sturer, ostpreussischer Kommisknopf war. Kann sein, dass er nie einen Orden bekommen hat. Jetzt bekommt er einen:<\/p>\n<p>Danke, Herr Oberleutnant Schilhavsky<\/p>\n<p>Ich sagte ja- es ist eine lange Geschichte und wer glaubt, dass sie gut ausgedacht ist- der irrt sich.\n<\/p>\n<p><!--21680ab0cfeabe325567b7178a38a724--><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Menschen, die es eilig haben sollten diesen Beitrag lieber links liegen lassen. Es wird n\u00e4mlich eine l\u00e4ngere Geschichte. Eine Neujahrgeschichte. F\u00fcr Soldaten sind Weihnachtsfeiertage eher traurige Tage. Besonders in Kriegszeiten, wo man sowieso schon nichts zu lachen hat. 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