{"id":62,"date":"2007-05-09T18:31:39","date_gmt":"2007-05-09T17:31:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einvoll.net\/opa\/?p=62"},"modified":"2009-02-22T08:18:12","modified_gmt":"2009-02-22T06:18:12","slug":"bolognese-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/opa.holzer.work\/?p=62","title":{"rendered":"Bolognese-2"},"content":{"rendered":"<p>Die Wartezeit in der Bologneser Kaserne war schnell zu Ende. Selbstverst\u00e4ndlich sollten wir so bald als m\u00f6glich bei unserer Ersatzeinheit sein. Die anf\u00e4nglich zerst\u00f6rte Strecke war nun wieder leidlich benutzbar, daf\u00fcr aber war der Bahnhof an dem wir angekommen waren durch ein paar Bomben getroffen worden. Wir sollten also von einem Vororte-Bahnhof wegfahren und dazu bekamen wir f\u00fcr eine Nacht Unterkunft in einem Gartenpavillon zugewiesen. Da die Nacht noch weit war, machten wir uns auf die Suche nach irgendeiner Unterhaltung. Nach einigem Herumfragen erfuhren wir von einer Osteria, die haupts\u00e4chlich von den Bahnarbeitern benutzt wurde. Wir fanden sie auch tats\u00e4chlich in einem kleinen H\u00e4uschen und als wir die halbvolle Gaststube betraten wurde es dort f\u00fcr eine Minute ganz still. Ich muss in Erinnerung rufen, dass sich der von den Alliierten besetzte Teil Italiens  bereits im Kriegszustand mit dem Dritten Reich befand. Selbstverst\u00e4ndlich sympathisierte der gr\u00f6sste Teil der Bev\u00f6lkerung eher mit der anderen Seite  und die Italiener sahen in uns also Feinde, weil wir in ihrem Lande Krieg f\u00fchrten und Mussolini wollten sie schon gar nicht. Wir taten so als merkten wir nichts, setzten uns an einen Tisch und bestellten vino. Jetzt muss ich nat\u00fcrlich auch schon einmal erz\u00e4hlen wer &#8222;wir&#8220; waren. Vier Wiener Lausbuben, alle im gleichen Alter. Da war der Jelinek Franz aus einem Gemeindebau in der Linzerstrasse, dann der Reiterer Herbert aus dem achten Bezirk und der Ziegelwagner Robert aus Stadlau. Na und ich nat\u00fcrlich. Wir hatten alle vier zu der Einsicht gefunden, dass es besser w\u00e4re der Scheisskrieg sei schon zu Ende und dass es nutzlos vertane Zeit sei, die wir hier verbringen mussten nur um ein paar Goldfasanen zu einer sch\u00f6nen Zeit zu verhelfen. Zu gewinnen hatten wir nichts mehr- im Gegenteil es konnte nur immer schlimmer werden. Es dauerte nicht lange und einer von den Italienern stand auf, trat an unseren Tisch um mit uns zu sprechen. Er sprach recht gut deutsch. Auf unsere Frage, wie er zu seinen Sprachkenntnissen k\u00e4me, erz\u00e4hlte er uns, dass er in Deutschland dienstverpflichtet sei und nun auf Urlaub da sei. Wir luden ihn ein, sein Glas zu holen und mit uns zu trinken. Das tat er auch, aber er kam nicht nur mit einem Glas sondern mit einer ganzen Flasche. Nat\u00fcrlich wollte er wissen aus welcher Gegend wir k\u00e4men und als wir ihm er\u00f6ffnete, dass wir aus Wien w\u00e4ren sang er sofort begeistert: &#8222;Wien, Wien, nur du allein&#8220;. Das Gespr\u00e4ch wurde lebhafter, schon hatte sich ein zweiter seinen Stuhl zu unserem Tisch gestellt und nun redeten wir mit H\u00e4nden und F\u00fcssen, halb Deutsch und mit italienischen Worten dazwischen. Dann stand ein anderer bei uns und sagte: &#8222;Du cantare, canzone viennese!&#8220; Ich sah den Franzi an und er mich: &#8222;Tan ma&#8220;? Der Robert war unmusikalisch und der Herbert konnte nur schwer die Stimme halten, aber wir zwei konnten schon und da war ich auch schon mittendrin: &#8222;Mein Herz und mein Sinn, strebt stets nur nach Wien- nach Wien, wie es weint, wie es lacht&#8230;.&#8220; Und dann fiel der Franz ein mit seiner kehligen dunklen Stimme &#8222;&#8230;m\u00fcsst ich einmal fort von dem sch\u00f6nen Ort&#8230;&#8220; Es war pl\u00f6tzlich ganz still geworden in der schummerigen Stube. Die Bahnarbeiter hatten ihre Gespr\u00e4che eingestellt und h\u00f6rten zu wie wir dieses weltbekannte Lied zum besten gaben. Und sie kamen an unseren Tisch, wollten mehr h\u00f6ren und mit den Liedern fielen alle Barrieren zwischen uns. Bald sassen wir an ihrem gro\u00dfen Tisch mitten unter ihnen, bald sangen sie, bald sangen wir. Sie hatten erkannt, dass wir, genau wie sie,  unter der Furie des Krieges litten und nichts sehnlicher w\u00fcnschten als wieder nach Hause zur\u00fcck zu kehren. Die Angelegenheit artete zu einem gro\u00dfartigen Bes\u00e4ufnis aus, denn die Gl\u00e4ser wurden nicht mehr leer. Der Herbert hatte noch dazu das Talent, dass er eine Menge Hitlerwitze sogar den Italienern glaubhaft machen konnte und die Stimmung war jedenfalls ungeheuer. Aber irgenwann erinnerten wir uns doch daran, dass wir am n\u00e4chsten Morgen einen Zug zu besteigen hatten. Vor dem Gasthaus verabschiedeten wir uns von unseren Zechgenossen und sie erkl\u00e4ren uns genau wie wir zu unserem Pavillon kommen konnten. Also torkelten wir auf einem staubigen Str\u00e4\u00dfchen unserem Ziele zu, voran der Robert. Der war eigentlich der n\u00fcchternste von uns. Danach in einem Respektabstand der Franz und ich, nat\u00fcrlich noch immer singend. Hinten dran der Herbert. Der hatte erkl\u00e4rt er m\u00fcsse auf uns beide aufpassen, weil wir nicht mehr zurechnungsf\u00e4hig w\u00e4ren. Auf unserem Weg kamen wir auch an einer kleinen Geb\u00fcschgruppe vorbei. Pl\u00f6tzlich dr\u00e4ngt mich der Franz zur Seite-ich falle in den Strassengraben  und er auf mich drauf! Emp\u00f6rt rufe ich:&#8220;Bist deppert?&#8220; Er keucht:&#8220; Du, de schiassn mit Leuchtspur auf uns&#8220;. Mittlerweile war auch der Herbert bei uns angelangt&#8220; Was duats denn da in Graben unten?&#8220; Der Franz aufgeregt:&#8220;Volle Deckung, Herbert! De schiassn mit Leuchtspur&#8220;. Mitleidig der Herbert: &#8222;Na, ihr miasst aber  zwa urdentliche Deppen sein, wanns ihr scho de Gl\u00fchw\u00fcrmchen fir a Leuchtspur halts.&#8220;<\/p>\n<p>So bekam ich meine &#8222;Feuertaufe&#8220;. Mit Leuchtk\u00e4fern, die in dieser Nacht schw\u00e4rmten und ihre Partner suchten. Die Nacht war furchtbar. Der Kater am n\u00e4chsten Tag auch. Von zwei Fliegeralarmen unterbrochen-bei dem wir jedesmal den Zug verlassen mussten- erreichten wir doch mittags schon Faenza und meldeten uns in der Ortskommandatur.\n<\/p>\n<p><!--f1333c68c4c1fd473d3e457e27e1fd2c--><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wartezeit in der Bologneser Kaserne war schnell zu Ende. Selbstverst\u00e4ndlich sollten wir so bald als m\u00f6glich bei unserer Ersatzeinheit sein. Die anf\u00e4nglich zerst\u00f6rte Strecke war nun wieder leidlich benutzbar, daf\u00fcr aber war der Bahnhof an dem wir angekommen waren durch ein paar Bomben getroffen worden. 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