{"id":66,"date":"2007-05-20T13:08:15","date_gmt":"2007-05-20T12:08:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einvoll.net\/opa\/?p=66"},"modified":"2011-05-17T17:43:25","modified_gmt":"2011-05-17T15:43:25","slug":"sardinien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/opa.holzer.work\/?p=66","title":{"rendered":"Sardinien"},"content":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend meine Gef\u00e4hrtin Ingeborg jetzt eben im Flieger sitzt und nach Sardinien unterwegs ist und ich im Erlebnisb\u00fcchlein ihres Cousins OTTO BIRKE bl\u00e4ttere, erweckt eine seiner Erz\u00e4hlungen meine Aufmerksamkeit. Ich gebe sie mit seinen eigenen Worten wieder.<\/p>\n<p>BEI DEN HIRTEN AUF SARDINIEN<\/p>\n<p>Sardinien, erlebt in einer Zeit wo die Ostk\u00fcste noch urig war und ein gewisser Aga Khan an der Westk\u00fcste die &#8222;Costa Smeralda&#8220; aufbaute. Ein Ghetto f\u00fcr Million\u00e4re, wo man f\u00fcr eine Nacht leicht und locker 1000 DM verschlafen konnte. Der Name des Banditendorfes Orgosolo ging tagt\u00e4glich durch die Presse, Entf\u00fchrungen und Tote waren damals an der Tagesordnung. \u00dcbrigens hat das Gesetz der Vendetta ( Blutrache ) noch heute seine G\u00fcltigkeit. Das alles stachelte meine Abenteuerlust nat\u00fcrlich an, die ja bei mir immer nur auf einen ausl\u00f6senden Moment wartet. Mein VW-K\u00e4fer mit dem geteilten Heckfenster ( l\u00e4sst auf sein Alter schlie\u00dfen ), war schnell beladen. Ein altes Armeezelt ohne Boden, der Spirituskocher mit der blitzenden Messingkugel und ein alter Rucksack mit den unvermeidlichen Suppenbeuteln gef\u00fcllt, war die ganze Ausr\u00fcstung. Weitaus geringer war da schon die F\u00fcllung des Geldbeutels, der aussah als h\u00e4tte er die Schwindsucht. So kam es, dass ich wegen der zu teuren \u00dcberfahrt meinen &#8222;Cadillac&#8220; im Hafen von Civitavecchia stehen lassen musste und aufgepackt als Sherpa des Mittelmeeres an Bord des Dampfers trabte. Der Sparaktion zweiter Teil war die Nichtbenutzung des Liegestuhlraumes. Eine \u00dcberfahrt auf Deck, eingewickelt in eine Zeltplane kann aber auch ganz romantisch sein. Der Hafen von Olbia war noch nicht zu sehen, als mir schon der s\u00fc\u00dfliche Geruch der Macchia, den die Insel verstr\u00f6mte, in die Nase stieg und der mich auch wochenlang begleiten sollte. Dort angekommen stellte sich die Frage des Fortbewegungsmittels in den Vordergrund, denn f\u00fcr die Ausr\u00fcstung von damals, war das Wort &#8222;Perlon&#8220;- sprich &#8222;leicht&#8220;, ein Fremdwort. Zuerst dachte ich an ein Leihrad, konnte aber beim besten Willen keines auftreiben. Also entschied ich mich f\u00fcr das Hinterteil eines Leiterwagens. Dieses mit zwei langen Stangen versehen, ergab ein tolles Gef\u00e4hrt und aus dem Sherpa war ein Rikschamann geworden. Als solcher trabte ich los um Sardinien und seine Bewohner kennenzulernen, vorbei an Feldern mit Margariten und rotem Klatschmohn und den bizarren Gebilden aus Granit, die wie B\u00e4ren und Elefanten aussehen.<\/p>\n<p>Auf der Suche nach einem Zeltplatz lernte ich zwei Holl\u00e4nderinnen kennen, die aus Angst ihr Zelt in Dorfn\u00e4he aufgestellt hatten. Es waren Schwestern aus Amsterdam- so wie ich auf Abenteuertrip und h\u00e4tten mit dem richtigen K\u00e4se in der Hand die beste Reklame f\u00fcr ihr Land abgegeben. Wir schlossen schnell Freundschaft und schmiedeten alsbald Pl\u00e4ne f\u00fcr ein gemeinsames Weitertrailen. Vorerst war aber da noch ein kleines Hindernis zu bew\u00e4ltigen, denn Eros in Uniform eines Polizisten namens Umberto, hatte sich vorgenommen, etwas von dem holl\u00e4ndischen K\u00e4se zu naschen. Am n\u00e4chsten Vormittag kam er mit seiner Maschine angebraust, &#8222;dienstlich&#8220; und in voller Uniform. Seine erste Amtshandlung war, im Zelt der Meisjes zu verschwinden, um alsbald in der Badehose wieder zu erscheinen. Babsi, so hie\u00df eine davon, seufzte auf, verdrehte voller Entz\u00fccken ihre Kullerchen und entschwand mit dem Apollo in Richtung Strand. Wir M\u00e4nner freundeten uns schnell an, er zeigte mir die essbaren Muscheln, erkl\u00e4rte mir, dass man die Seeigelweibchen von oben an den Steinchen erkennt, die eben nur sie auf dem Stachelpelz tragen und deren Eier man nach dem Aufschlagen essen kann. Ausserdem durfte ich mit seiner &#8222;Dienstmaschine&#8220; in den n\u00e4chsten Ort fahren um Proviant einzukaufen. Dass er mir da Schwester Klara als Beifahrerin aufhalste war sicher einerseits als Pfand gedacht, d\u00fcrfte aber andrerseits der V\u00f6lkervereinigung Italien-Holland zugute gekommen sein.<\/p>\n<p>Es war wirklich schwer,der Sache ein Ende zu bereiten, es kostete mich einen Daumennagel und bescherte seiner Babsi eine m\u00e4chtige Beule.  Schuld daran war aber nicht etwa eine Rauferei, sondern der Heimweg nach der Abschiedsfeier im Dorf, dessen Hauptstra\u00dfe an einer etwa 2 m hohen Mauer endete. Normalerweise w\u00e4re sie links oder rechts zu umgehen gewesen, aber wir Weinseligen marschierten im Gleichschritt dar\u00fcber hinaus und das ergab die erw\u00e4hnten Blessuren. Wir feierten also mit Umberto Abschied, der Wein floss reichlich, wenn sich auch \u00fcber den Geschmack streiten l\u00e4sst. Der Rotwein war f\u00fcr meine Begriffe sauer und dazu wurden noch Zitronenscheiben hineingegeben. Dazu gab es &#8222;pane karasau&#8220;- hauchd\u00fcnnes Fladenbrot mit ged\u00f6rrtem Ziegenfleisch. Ich wei\u00df ja nicht was die Sarden unter D\u00f6rren verstehen, ich hatte jedenfalls das Gef\u00fchl, bzw. einen Geschmack auf der Zunge, als h\u00e4tten sie das Zeug verscharrt gehabt und uns zu Ehren wieder ausgegraben Mit Todesverachtung und einem verz\u00fcckten Grinsen im Gesicht kaute ich nicht nur auf meiner Portion, sondern auch auf der meiner M\u00e4dchen, die sie mir heimlich zugeschoben haben.<\/p>\n<p>Der Weitermarsch am Morgen muss ein Bild f\u00fcr G\u00f6tter gewesen sein, der Rikschamann, eingerahmt von zwei M\u00e4dchen, zuckelte \u00fcber die Holperstra\u00dfen von Sardinien. Voller Wehmut dachte ich an das in Olbia zur\u00fcckgelassene Vorderteil meines Leiterwagens.<\/p>\n<p>Unser n\u00e4chstes Ziel war die Hauptstadt Cagliari. Die Zwischenstation in einem Fischerdorf nutzte ich aus, um einmal zum Fischfang hinausfahren zu d\u00fcrfen. Etwas erschrocken war ich schon, als mir der Kapit\u00e4n nach dem Auslegen der Netze eine Schrotflinte in die H\u00e4nde dr\u00fcckte und mit wortreich meinen Arbeitseinsatz erkl\u00e4rte. Dabei wei\u00df ich heute noch nicht, ob ich auf die Flossen von Haifischen oder Delfinen geschossen habe um sie an der Zerst\u00f6rung der Netze zu hindern.<\/p>\n<p>Nach der Besichtigung der Hauptstadt zogen wir weiter ins Landesinnere, um endlich das sagenhafte R\u00e4uberdorf Orgosolo kennenzulernen. Wie ein Gladiator zog ich mit meinen Marketenderinnen dort ein, nur mit dem Unterschied, dass ich das Zugpferd war und nicht der Held. Wenn wir geglaubt hatten, dass hinter jeder Ecke ein R\u00e4uber Kneissl steht, war das ein Trugschluss, wenn auch die Gestalten recht furchterregend aussahen. Die Sarden sind eher klein von Wuchs, dunkelh\u00e4utig und von verschlossenem Wesen. Der Grund f\u00fcr die vielen Entf\u00fchrungen und Erpressungen d\u00fcrfte wohl der gro\u00dfe Unterschied zwischen Arm und Reich sein. Mein Sch\u00e4fer bei dem ich eine Woche blieb, erz\u00e4hlte mir auch noch einen anderen Grund f\u00fcr die blutigen Fehden.  Das Leben dort ist einsam und eint\u00f6nig. Es kann vorkommen, dass aus Jux und Langeweile ein Schaf gestohlen wird. Es folgt die Gegenma\u00dfnahme und der Streit f\u00fchrt dann schnell zu Mord und Familienfehden( Vendetta ).<\/p>\n<p>Wir schlugen unser Zeltlager etwas au\u00dferhalb des Dorfes in der Wildnis auf und als es d\u00e4mmerte, bekam ich es doch mit der Angst zu tun. Auf einmal glitten Schatten mit Gewehren in den H\u00e4nden um unser Lager und die Nudelsuppe, die wir grade l\u00f6ffelten, wollte mir gar nicht mehr schmecken. Erst als sich auch Frauen in den immer enger werdenden Kreis einreihten, wurde mir leichter ums Herz. Es war also kein \u00dcberfall, sondern blo\u00dfe Neugierde und eine gro\u00dfe Verbr\u00fcderung begann. So sehr mir auch die weibliche Begleitung behagte, so war ich doch froh, dass ihr Urlaub zu Ende ging und sie am n\u00e4chsten Tag mit dem Autobus in die Hafenstadt Olbia abfuhren. Bei dieser n\u00e4chtlichen Lagersitzung hatte ich mich mit einem Hirten angefreundet, der ein Jahr in Deutschland arbeitete und dadurch unsere Sprachschwierigkeiten reduzierte.<\/p>\n<p>Die letzte Woche war dann das T\u00fcpfelchen aufs I. Ich zog mit in seine H\u00fctte, h\u00fctete Schafe und genoss die unbeschreiblich sch\u00f6nen Abende. Der fast klebrige Duft der Kr\u00e4uter benebelte mich und der klagende Ton der Maultrommeln, der irgendwo in der Einsamkeit anfing und dann von anderen Sch\u00e4fern \u00fcbernommen wurde, versetzte mich in eine andere Welt. Ich trennte mich schwer von den Leuten und dieser seltsamen Insel und habe schon oft vergeblich versucht, mich durch die mitgebrachte Maultrommel noch einmal im Geist in diese Welt zu versetzen.<\/p>\n<p>Soweit OTTO und sein Erlebnisbericht. Ich kann gar nicht ausdr\u00fccken, wie nahe ich der Gef\u00fchlswelt dieses wundersamen Globetrotters bin. Und w\u00e4hrend ich dies schreibe, vermeine ich den Duft der &#8222;macchia&#8220; auf der Zunge zu schmecken und wenn ich die Augen schlie\u00dfe weiden um die schattenhaft zu sehenden Nuraghen die Schafe. Vielleicht wird mir Ingeborg so etwas erz\u00e4hlen, wenn ich sie wieder in die Arme schlie\u00dfe- nach einer langen einsamen Woche.\n<\/p>\n<p><!--2f32cd7508ab0534c3d50c71891c9ba0-->\n<\/p>\n<p><!--b3f8f1922db82987efb3123d1c71bb6b-->\n<\/p>\n<p><!--b3f8f1922db82987efb3123d1c71bb6b-->\n<\/p>\n<p><!--b3f8f1922db82987efb3123d1c71bb6b--><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend meine Gef\u00e4hrtin Ingeborg jetzt eben im Flieger sitzt und nach Sardinien unterwegs ist und ich im Erlebnisb\u00fcchlein ihres Cousins OTTO BIRKE bl\u00e4ttere, erweckt eine seiner Erz\u00e4hlungen meine Aufmerksamkeit. Ich gebe sie mit seinen eigenen Worten wieder. 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