{"id":67,"date":"2007-05-28T09:43:02","date_gmt":"2007-05-28T08:43:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einvoll.net\/opa\/?p=67"},"modified":"2011-05-17T17:43:00","modified_gmt":"2011-05-17T15:43:00","slug":"romagnolo-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/opa.holzer.work\/?p=67","title":{"rendered":"Romagnolo-1"},"content":{"rendered":"<p>Wenn ich fr\u00fcher einmal \u00fcber unseren Viktor-Adlermarkt schlenderte und bei den Gem\u00fcsegesch\u00e4ften gustierte wo ich wohl meinen Karfiol kaufen werde, da kam es \u00f6fter vor, dass mir der Duft einer zur Verkaufsf\u00f6rderung angeschnittenen Frucht um die Nase f\u00e4chelte. Im Winter waren das vorzugsweise Orangen, die ihr manchmal blutrotes Kernfleisch zeigten und Dir zuriefen: &#8222;Nimm mich mit- schau doch, wie gut ich aussehe!&#8220; Im Sommer aber waren  es die  Zuckermelonen, deren honiggelbes Inneres einen bet\u00f6renden Duft verstr\u00f6mte.  Eben dieser Duft war es, der in mir Erinnerungen ausl\u00f6ste und mich in eine Zeit zur\u00fcckf\u00fchrte, die unbeschreibliches Gl\u00fcck und tiefen Trennungschmerz gebracht hatte. Das Gl\u00fcck war ein sehr fragiles Gl\u00fcck, weil sein zeitliches Ende programmiert war und der tiefe Schmerz, weil immer im Hintergrund der Gedanke war&#8211; es h\u00e4tte doch auch anders sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich will Sie zur\u00fcckversetzen in den Fr\u00fchsommer des Jahres 1944 in das von deutschen Truppen besetzte Norditalien. Der gr\u00f6\u00dfere Teil der heute t\u00e4tigen Menschen, wei\u00df von dieser Zeit nur mehr aus Erz\u00e4hlungen. Kaum jemand kann sich vorstellen, wie es sich in einem vom Feind oder &#8222;B\u00fcndnispartner&#8220; besetzten Land lebt. Es war ganz offensichtlich so, dass der mehrheitliche Teil der italienischen Bev\u00f6lkerung uns- die deutschen Besatzer, zu denen ich nun einmal geh\u00f6rte- zum Teufel w\u00fcnschte. Und es gab nicht wenige, die tatkr\u00e4ftig daran arbeiteten uns auch dorthin zu bef\u00f6rdern. Dem Oberkommando der S\u00fcdfront, das die schwierige Aufgabe hatte mit verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig geringen Mitteln den &#8222;Stiefel&#8220; zu verteidigen, war dies nat\u00fcrlich bekannt. Um Pr\u00e4senz zu zeigen, placierte sie die wenigen verf\u00fcgbaren Ersatzeinheiten mal dahin, mal dorthin um Aufruhr zu unterbinden. Viel sp\u00e4ter erst-mit der literaturm\u00e4\u00dfigen Aufarbeitung der damaligen Zeit- las ich, dass man deutscherseits auch mit einer neuerlichen Landung hinter der Front, im Raum Rimini, rechnen musste und f\u00fcr diesen Fall die Ersatzeinheiten in diesem Raum zur Verf\u00fcgung hielt. Auf diese Weise lernte ich einige der nach Norden f\u00fchrenden  idyllischen T\u00e4ler n\u00f6rdlich des Appenninenkamms kennen.  Es w\u00fcrde zu weit f\u00fchren das ganze Hin und Her zu schildern und es ist auch f\u00fcr den weiteren Gang der Erz\u00e4hlung nicht wichtig. Entscheidend war, dass  ich mit meinen  Kameraden schlie\u00dflich den Befehl bekam uns beim Bataillonsstab unserer Einheit zu melden. Das ging in der Zwischenzeit nur mehr per Auto und funktionierte so: Man stellte sich an eine Hauptverkehrsstrasse- in unserem Fall die ehrw\u00fcrdige Via Emilia- und hielt einen Wehrmachts-LKW an. Der Fahrer war in den meisten F\u00e4llen froh, Begleitung zu haben, denn man placierte sich auf Trittbrett und Kotfl\u00fcgel des LKW und fungierte so als Luftbeobachter. Das hatte schon des \u00f6fteren bei einem Luftangriff zur Lebensrettung des Fahrers gef\u00fchrt. Ich war nat\u00fcrlich mit Franz und Herbert unterwegs und wir hatten Gl\u00fcck, denn unser LKW sollte nach Rimini. Rimini!!! Gedankenblitz- w\u00e4r doch nicht schlecht, wenn wir einmal baden in der Adria! Als wir in Cesena vorbeifuhren sahen wir zwar den zarten Hinweis, dass es da noch irgendwo unseren Dienstauftrag g\u00e4be. Aber wir \u00fcbersahen das gro\u00dfz\u00fcgig und verbrachten einen Vormittag badend am Strand von Rimini. Die R\u00fcckfahrt geschah auf die gleiche Art. In Cesena aber sprangen wir vom Lkw. Da standen wir nun vor dem Pappkarton auf dem in ungelenken Zeichen &#8222;FEB HuD&#8220; geschrieben stand. In klaren Worten ausgedr\u00fcckt hie\u00df das: Feldersatzbataillon Hoch- und Deutschmeister. Genau dort mussten wir hin. Wir sind wohl auf die gleiche Art weitergekommen- genau kann ich mich daran nicht mehr erinnern. Es war aber nicht weit, denn bereits im zweiten D\u00f6rfchen hinter der Stadt waren wir angekommen. Das Dorf hie\u00df San Carlo und das Kommando residierte im B\u00fcrgermeisteramt der Gemeinde. Das war ein respektables Steinhaus gleich an der Hauptstra\u00dfe. Unser Hinweis auf die Verkehrsschwierigkeiten und die dadurch versp\u00e4tete Ankunft wurde mit Verst\u00e4ndnis aufgenommen und nach kurzer Warterei- immer eingedenk der uralten Landserweisheit: Die H\u00e4lfte seines Lebens wartet der Soldat vergebens!- brachte uns ein Soldat zu unserem Quartier. Bergauf etwa zweihundert Schritte- ein typisches Bauernhaus aus Ziegel in vollendetem Quadrat mit einem \u00fcber eine Treppe erreichbaren Stockwerk. Ein gro\u00dfer Raum mit einem Fenster, Ziegelboden. Rechts und links von einem Mittelgang aufgesch\u00fcttetes Stroh. Es bot Platz f\u00fcr 14 M\u00e4nner. Als wir ankamen sahen wir auch die nicht grade freundlichen Gesichter der Eigent\u00fcmer. Es waren zwei junge M\u00e4nner, die unsere Ankunft beobachteten. Nachdem wir unser Lager gerichtet hatten, gingen wir mit den schon vorhandenen Soldaten unseres Quartiers wieder hinunter zum Stab wo wir unsere zuk\u00fcnftigen Aufgaben erfuhren. Sie bestanden eigentlich haupts\u00e4chlich im &#8222;Vorhandensein&#8220;. Denn au\u00dfer  Morgenappell und Essensempfang  gab es nur Dienstroutine- Wachdienst, Fahrbegleitung,  Meldeg\u00e4nge und Kontrolldienst in der Umgebung des Dorfes. Zu all diesen Dingen bekamen wir unsere Waffen ausgeh\u00e4ndigt. Die \u00fcbrige Zeit blieben sie wohlverwahrt. Es h\u00e4tte uns nun angesichts dieses gewaltigen &#8222;Nichtstuns&#8220; eine furchtbare Langeweile befallen m\u00fcssen. Davor bewahrte uns das Kennenlernen unserer zwangsbegl\u00fcckten Quartiergeber. Es waren Bauern. Aber nicht etwa auf eigenem Grund und Boden, sondern das Haus, das Feld, die B\u00e4ume geh\u00f6rten dem Padrone und sie waren nur P\u00e4chter und unendlich arme Leute. Es dauerte nicht gar lange und wir lernten sie alle kennen. Da waren Alfredo und Quarto, die uns ja schon empfangen hatten. Alfredo war blond, lebhaft und etwa 22, Quarto dunkel, schweigsam und 20 Jahre alt. Bald auch steckte der quirlige Guerino seine Nase in unser Quartier. Er war der j\u00fcngste von dem Terzett&#8211;18. Dar\u00fcber hinaus aber gab es nur M\u00e4dchen: Die 19-j\u00e4hrige ernste Augusta, die fr\u00f6hliche 15-j\u00e4hrige Teresina und als Nachz\u00fcgler die 3-j\u00e4hrige Pierina. Nat\u00fcrlich gab es auch Eltern , die den Laden in Ordnung hielten und es waren vor allem die mitleidigen, g\u00fctigen Augen von Mamma, die mir Mut machten die Schranken, die uns trennten, abzubauen. Nach kurzer Zeit bereits f\u00fchlten wir uns recht wohl bei den Silighini in San Carlo und von mir aus h\u00e4tte sich da auch nichts \u00e4ndern m\u00fcssen. Mir kam vor, schon nach kurzer Zeit ein richtiger Romagnolo geworden zu sein. Dies war der Ausdruck, den unsere Quartierleute verwandten, wenn sie von ihrem Italienisch sprachen, das ich immer begieriger erlernte. Das hatte nat\u00fcrlich seinen Grund. Und meine Freunde wussten ihn auch bald, denn es war in  meinen  Blicken und meinem Verhalten  zu lesen. Er hie\u00df Augusta.\n<\/p>\n<p><!--3382320ba8546c08946c9351535446bd-->\n<\/p>\n<p><!--a8375a8c29574f58c5d56b3a226a17ba-->\n<\/p>\n<p><!--3382320ba8546c08946c9351535446bd-->\n<\/p>\n<p><!--3382320ba8546c08946c9351535446bd--><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich fr\u00fcher einmal \u00fcber unseren Viktor-Adlermarkt schlenderte und bei den Gem\u00fcsegesch\u00e4ften gustierte wo ich wohl meinen Karfiol kaufen werde, da kam es \u00f6fter vor, dass mir der Duft einer zur Verkaufsf\u00f6rderung angeschnittenen Frucht um die Nase f\u00e4chelte. 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