{"id":71,"date":"2008-03-10T14:24:59","date_gmt":"2008-03-10T13:24:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einvoll.net\/opa\/?p=71"},"modified":"2009-02-22T08:15:17","modified_gmt":"2009-02-22T06:15:17","slug":"noch-romagnolo-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/opa.holzer.work\/?p=71","title":{"rendered":"Noch &#8222;Romagnolo 2&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Ich h\u00f6rte  im letzten Beitrag unter diesem Titel dort auf, wo ich die Bewohner des Hauses beschrieb, in dem wir die n\u00e4chste, noch ungewiss lange Zeit verbringen sollten. Dem Frust der Langeweile unter dem Besatzer leiden, wirkten wir dadurch entgegen, dass wir uns immer intensiver mit unseren Gastgebern besch\u00e4ftigten. Das begann damit, dass man einfache Worte der fremden Sprache zu erlernen suchte. Es war ja wichtig zu wissen was essen, schlafen, Hunger und Durst auf italienisch hie\u00dfen . Und wo ist das \u00d6rtchen, um seine Notdurft zu verrichten.  Langsam schwand die Abwehr aus  den Gesichtern, man erkannte, dass auch wir Menschen waren, die gar nichts von diesem scheu\u00dflichen Krieg wissen wollten und wenn Babbo &#8222;guerra e brutta&#8220; sagte, dann stimmten wir von ganzem Herzen zu.  Wir wiederum erkannten, wie schwer die Menschen hier darum k\u00e4mpften ihr t\u00e4glich Brot zu sichern und dass es nur die andere Sprache war, die uns voneinander trennte und dass sie demselben Bev\u00f6lkerungskreis angeh\u00f6rten wie auch wir. Und das war ein Unterschied, den wir gerne \u00fcberwinden wollten. Das Sch\u00f6ne war, dass auch bei unseren Hausbewohnern die gleiche Stimmung Platz gegriffen hatte und so war es bald ein eifriges Gestikulieren und Radebrechen von beiden Seiten. Viel half uns in der abendlichen Siesta das gemeinsame Fussballspiel das wir zuerst als L\u00e4ndermatch betrieben, bald aber waren wir durcheinander, den die Ithaker waren ja damals Weltmeister und so wechselten wir uns ab. Was nicht hei\u00dfen sollte, dass es nur die Burschen waren, denn der Wirbelwind Teresina war des \u00f6fteren mit dabei, wenn der Ball auf dem kleinen Platz zwischen Haus und Stadel rollte. Und piccola Pierina wurde bald auch unser Liebling und fand Platz auf dem Schoss der austriacchi. Bald sassen wir am Abend um das offene Feuer im Kamin, in dem in einem gro\u00dfen gusseisernen Topf die Minestrone bereitet wurde, sassen mit ihnen am Tisch, a\u00dfen die Pizza, die die Frauen zubereitet hatten, tranken den gew\u00e4sserten Wein, die miscela. Und sassen dann noch lange zusammen. Man fragte uns aus, nach den Lebensumst\u00e4nden in der fernen Stadt. Wie wir dort lebten, was wir arbeiten und umgekehrt war es dasselbe.  Es ergab sich, dass ich  mich immer \u00f6fter an Augusta wandte und von ihr erfuhr ich sehr viele  Worte und sie \u00fcbte mit mir auch noch Grammatik und so  vermochte ich bald nicht nur in  der Nennwortform der Zeitworte zu sprechen, sondern z.B. &#8222;haben  und sein&#8220; richtig zu konjugieren. Nat\u00fcrlich fragte mich Augusta auch \u00fcber Pers\u00f6nliches aus und ich sagte ihr, dass ich verlobt sei, meine Eltern da aber etwas dagegen h\u00e4tten. Nat\u00fcrlich zeigte ich ihr auch ein Bild des M\u00e4dchens. Jeder Soldat hat ja sowas bei sich.<br \/>\nUnd sie sagte &#8222;Oh, bella ragazza&#8220;. Nat\u00fcrlich hatten wir auch viel Spass mit den Br\u00fcdern und bald f\u00fchlten wir uns wie zuhause. Diese Verbundenheit wurde noch dadurch gefestigt, dass wir begannen in unserer Freizeit mit Hand anzulegen, und bei der Feldarbeit zu helfen. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie ich mit Augusta fagioli (Fisolen) geerntet habe und sie in einem Korb vom Feld zum Hof hinauf getragen habe. Am liebsten hatten wir es, wenn wir in der Pfirsichplantage zu tun hatten. Und es kann sein, dass mir die Erinnerung was vorgaukelt- aber ich habe nie bessere Pfirsiche gegessen als in S.Carlo. Schlie\u00dflich waren wir auch noch dabei von dem kleinen, steinigen Acker den Weizen mit der Sichel zu ernten und auf dem Platz hinter dem Haus haben wir mit dem Dreschflegel zusammen mit den Nachbarn gedroschen.<\/p>\n<p>Wen wundert es, dass ich mich zu Augusta  sehr bald hingezogen f\u00fchlte. Sie war so ganz anders, als mein M\u00e4dchen zu Hause. Augusta war von einem herben Reiz, der mir bis dahin noch nie begegnet war. Wahrscheinlich deshalb, weil ich nur Stadtm\u00e4dchen kannte und sie eben ein Bauernm\u00e4dchen war, das harte Arbeit kannte. Zugegeben- ich war ja grad kein Frauenheld, aber dieses M\u00e4dchen!! Und ich glaube auch, dass Augusta gerne mit mir sprach, gerne in meiner N\u00e4he war. Aber es verbot sich ja von selbst einen Schritt zu tun, der unter Umst\u00e4nden unheilvoll enden konnte. Italien war doch ein erzkatholisches Land und M\u00e4dchen mussten da ja noch unber\u00fchrt in die Ehe gehen.Von ihr konnte ich also nicht erwarten, dass sie etwas in dieser Richtung tat und ich w\u00fcrde nichts tun, denn damals schon, war mir Freundschaft wichtiger als ein kurzes Vergn\u00fcgen. Und so war ich also zwar in Augusta verliebt, aber es war so hoffnungslos und ich w\u00fcrde es nie offenbaren.Also blieben uns nur die Grammatikstunden. Aber das Wort amare konnte ich zwar konjugieren, aber io amo te sagte ich nie.<br \/>\nGerne entsinne ich mich noch der Korrekturen in meiner Betonung, wenn ich ein Zeitwort falsch betonte. &#8222;Walteeeer, non pioveeeeere, mai dire piooooovere&#8220;. Nat\u00fcrlich machte ich das oft absichtlich, um ihren Widerspruch herauszufordern und wir lachten, dann ausgiebig dar\u00fcber, denn sie hatte bald erkannt, dass ich nur zum Scherz falsch aussprach. Nat\u00fcrlich fiel die Zweisamkeit auch anderen auf. Meine Kameraden begannen mich zu necken: &#8222;Aha, schon wieder Augusta&#8220;. Und ich glaube auch den Br\u00fcdern und den Eltern entging nicht, dass wir beide- Augusta und ich- recht herzlich miteinander umgingen. Es kann sein, dass sie sich deswegen Sorgen machten. Und trotzdem erschraken wir, wenn unsere H\u00e4nde sich zuf\u00e4llig begegneten und wir sahen uns verlegen an und Augustas gebr\u00e4unte Wangen schimmerten verd\u00e4chtig rot.<br \/>\nWie weit wir das Vertrauen der Br\u00fcder bereits genossen zeigte uns nach einiger Zeit, dass sie uns offenbarten, was in der Kommandantur unserer Einheit auf dem Dienstplan stand. So sagten sie uns eines Abends, dass wir am n\u00e4chsten Tag zu einer Suchaktion auszur\u00fccken h\u00e4tten. Der Zweck w\u00e4re, Menschen zu fassen, die man nach Deutschland zwangsverpflichten wollte und die in der Kriegsindustrie arbeiten sollten. Und nat\u00fcrlich sollten wir auch Partisanen fangen. Wirklich waren wir tags darauf im H\u00fcgelgel\u00e4nde um Cesena unterwegs. Wir sahen aber keine Menschenseele, au\u00dfer einem alten Ziegenhirten. Er bot uns von seinem Pecorino an und seither, wei\u00df ich wie gut Ziegenk\u00e4se schmeckt. Klar, dass wir niemanden fanden, denn wenn Alfredo uns erz\u00e4hlte wo wir suchen sollten,  dann wussten es doch die Italiener  noch fr\u00fcher.<\/p>\n<p>Wir lebten also in einer unwirklichen Zwischenwelt- gleich weit weg von der Gewohnheit der Heimat, des Elternhauses, der Schule, weit weg vom gestern und noch ebenso weit weg von einer ungewissen, verborgenen Zukunft bei der Truppe an der Front, die immer n\u00e4her kam.<\/p>\n<p>Ich kann mich noch erinnern an die Morgenappelle, bei denen wir informiert  wurden \u00fcber die Landung der Alliierten in der Normandie. Nat\u00fcrlich posaunte da der NSFO- der nationalsozialistische F\u00fcrungsoffiziert, der nach dem Vorbild der sowjetischen Kriegskommisare nun bei jeder Einheit Pflicht war- dass der Endsieg nun nahe sei, denn &#8222;jetzt w\u00fcrden die Feinde die Macht der Wehrmacht kennenlernen&#8220;. Wir dachten daran, dass der verdammte Krieg nun eher aus ist und dass es nur darauf ankam das Ende mitzuerleben. Und dann auch noch der Morgen als wir unterrichtet wurden, dass auf &#8222;den gr\u00f6\u00dften F\u00fchrer aller Zeiten&#8220; ein gemeiner Mordanschlag ver\u00fcbt worden sei. Ich h\u00f6rte mir die Hasstiraden an und betrauerte den Umstand, dass er missgl\u00fcckt war, denn nun war ein vern\u00fcnftiges Ende dieses Krieges noch unm\u00f6glicher geworden. Einen Ausweg f\u00fcr mich sah ich leider nicht.<\/p>\n<p>Wie lange wir in dieser unwirklichen Idylle gelebt haben, kann ich leider heute \u00fcberhaupt nicht mehr sagen. Ich kann mich z. B. an keinen einzigen Regentag erinnern, wohl aber an die hei\u00dfen Tage an denen wir hinuntergingen zum Savio. einem kleinen wasserarmen Fl\u00fcsschen um zu baden. An einem Kolk war es sogar m\u00f6glich, ein paar Armz\u00fcge zu schwimmen. Da waren wir meistens in Begleitung Teresinas und manchmal war auch Augusta dabei mit der kleinen Pierina.  Von mir aus h\u00e4tte ich dieses Leben nie verlassen m\u00fcssen und ich konnte mir wohl vorstellen, dazubleiben.  Mit Augusta nat\u00fcrlich.  Ja, und dann war es eines Tages pl\u00f6tzlich zu Ende.<\/p>\n<p>Wir waren grade vom Fluss zur\u00fcckgekommen und a\u00dfen friedlich zu Abend. Dann baten uns die Burschen hinaus in den Hof und er\u00f6ffnete uns, dass wir am n\u00e4chsten Tag weg mussten. Die Einheit hatte ihren Einsatzbefehl bekommen und sollte ihren Zweck erf\u00fcllen- Ersatz f\u00fcr die abgek\u00e4mpfte Division. Wir gingen hinauf in unsere Schlafstube um die paar Sachen zu packen. Sp\u00e4t am Abend setzte ich mich noch in den Hof um eine Zigarette zu rauchen. Un da kam Alfredo, setzte sich zu mir. Er schwieg lange. Ganz leise fragte er dann, ob ich mir vorstellen k\u00f6nnte, nicht mitzugehen an die Front. Dazubleiben, mich zu verstecken. Man w\u00fcrde mir Zivilkleider besorgen und f\u00fcr meine Unterkunft sorgen. Mir war bewusst, das war eine jener Stationen an denen sich ein Lebensweg entscheidet. Gehst du jetzt links oder rechts, nichts davon ist klar- alles liegt in einer ungewissen Zukunft verborgen. Blieb ich, dann musste ich damit rechnen eines Tages zu den Partisanen zu sto\u00dfen und vielleicht auf meine Kameraden  schie\u00dfen zu m\u00fcssen. Das wollte ich eigentlich nicht. So weit war ich noch nicht. Wurde ich aber verraten- es gab immer einen der f\u00fcr 30 Silberlinge dazu bereit war- einen eventuellen Verehrer von Augusta zum Beispiel, oder ich wurde so gefasst, denn zuerst w\u00fcrde man mich sicher auf dem Hof der Silighini suchen, die kleine Pierina verplappert sich vielleicht, dann ist die ganze Familie zum Tode verurteilt, denn die Nazijustiz kannte keine Gnade f\u00fcr Leute die Deserteuren halfen. Ging ich an die Front, dann war das f\u00fcr alle Beteiligten sicherer. Nach langem \u00dcberlegen lehnte ich schlie\u00dflich das Angebot Alfredos ab, schweren Herzens muss ich wohl dazu sagen. Ob es richtig war- oder falsch- wer vermag das heute zu sagen. Als wir am Morgen aus dem Hof schritten mit unserem Packen auf dem Buckel, stand nur Babbo in der T\u00fcr und sah uns traurig nach. Er hat mir sp\u00e4ter einmal gesagt, er h\u00e4tte an diesem einen Tag drei S\u00f6hne auf einmal verloren.<\/p>\n<p>Ein Mannschaftstransportwagen nahm uns auf und durch das belebte Saviotal fuhren wir s\u00fcdw\u00e4rts in Richtung Vergeretho-Pass. Ins obere Tibertal und nach Umbrien hin\u00fcber, hinaus aus der sch\u00f6nen sonnigen und noch friedlichen Romagna. Wir wurden ins kalte Wasser geworfen. Wie es sich geh\u00f6rt, begannen wir zu strampeln. Noch war ich mit Franz und Herbert zusammen. Aber als wir am Bestimmungsort in der N\u00e4he von Perugia ankamen wurden wir sofort getrennt. Jeder kam zu einem anderen Regiment. Klar- Scharfsch\u00fctzen jagen doch nicht rudelweise. Ich habe keinen von ihnen wieder gesehen. Franz soll angeblich gefallen sein und Herbert wurde in Ungarn als vermisst gemeldet. Von jetzt an strampelte ich allein durch die Welt.\n<\/p>\n<p><!--e0edb6b4aba9206efe31e39f482bfec0--><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich h\u00f6rte im letzten Beitrag unter diesem Titel dort auf, wo ich die Bewohner des Hauses beschrieb, in dem wir die n\u00e4chste, noch ungewiss lange Zeit verbringen sollten. Dem Frust der Langeweile unter dem Besatzer leiden, wirkten wir dadurch entgegen, dass wir uns immer intensiver mit unseren Gastgebern besch\u00e4ftigten. Das begann damit, dass man einfache [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,8],"tags":[],"class_list":["post-71","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-im-ruckspiegel"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/opa.holzer.work\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/71","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/opa.holzer.work\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/opa.holzer.work\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/opa.holzer.work\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/opa.holzer.work\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=71"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/opa.holzer.work\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/71\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/opa.holzer.work\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=71"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/opa.holzer.work\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=71"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/opa.holzer.work\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=71"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}