Niemand kann wohl ermessen, welcher Gefühlssturm mich durchtobte, als eines abends eine samtdunkle, warme weibliche Stimme mich am Telefon, bat, doch zu raten, wer sie wohl sei. Der unverkennbar fremde Tonfall gab mir Rätsel auf. Slawisch war der Akzent nicht und gar viele Bekannte, die ein wenig fremd sprachen, hatte ich ja nicht. Nach einem kurzen Wortgeplänkel bat ich sie, mir doch endlich zu verraten, wer sie sei. Und da kam die Antwort: „Pierina“! Da musste ich mich hinsetzen und hatte plötzlich ein Würgen in der Kehle und war erst einmal sprachlos. Alles mögliche hätte ich erwartet, aber das nicht. Man muss sich vorstellen- da sprach ein Mensch zu mir, den ich noch als Kleinkind kennen gelernt hatte und der weit von mir, in Italien am anderen Ende der Leitung sass. Und es war, wie wenn wir uns erst gestern zum letzten Mal gesehen hätte. All die Schuttschichten, die Jahrzehnte der Getrenntheit auf das Bewusstsein abgeladen hatten, waren nach ein paar Worten nicht mehr vorhanden. Ich spürte direkt körperlich die Gegenwart der Menschen, die mir damals so nahe gestanden waren. Ich erfuhr alles über die Geschwister, dass Pierinas Schwestern alle schon gestorben waren- Augusta erst am vergangenen Jahresende. Die Brüder hingegen sind noch alle drei lebendig. Guerino lebt noch in S. Vittore, in dem Haus in dem wir gewohnt hatten, bei unseren Besuchen. Quarto lebt noch in Longiano in dem Haus, das auch Michael noch in Erinnerung hat. Ich hab mit ihm sogar ein paar Worte gesprochen. Aber auch Alfredo ist wieder nach Hause zurückgekehrt.Er war in der Schweiz. Und wieder hörte ich jenes wunderschöne, herzerfreuende „Walter komm doch!“ Das wird wahrscheinlich kaum möglich werden. Aber wie gerne möchte ich euch noch einmal in die Armen schließen und mit Euch über die vergangenen Zeiten plaudern. Mein innigster Dank gilt Herrn Tresoldi, der einmal meinen Blog gelesen hatte und mit dem ich die Telefonnummern austauschte. Er übermittelte meine Telefonadresse nach Italien und so kam es zu diesem Wiederhören mit „piccola Pierina“. Danke, Euch allen! Ihr habt mir eine wirklich große und freudige Überraschung bereitet.
Und jetzt macht es mir auch wirklich großen Spass, weiter zu erzählen, was da so noch aus dem“ Romagnolo“ geworden ist. Auf bald!
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