Ich kann durchaus verstehen, das es nicht jedermann interessiert, was der kleine Soldat auf dem Weg in den großen Krieg alles erlebte. Ich werde auch sicherlich nicht über das ganze Hin und Her berichten, aber ein paar Episödchen sind es meiner bescheidenen Meinung nach wert, dass man sich ihrer entsinnt. Um auch jenen, die damals noch nicht ihre Nase in die Welt gereckt hatten ein wenig von der Zeit in der man lebte und von den Gefühlen die man dabei hatte, zu erzählen mach ich einen- sehr kurzen- Rundblick von meinem Standpunkt aus. Wir sind also jetzt in Bologna am Ende der Eisenbahnfahrt. Eine Weiterfahrt sei nicht möglich, denn die Strecke wäre zerbombt und wir müssten auf die Reparatur warten. Das heißt, dass von hier bis an die Front, die damals langsam durch Umbrien und die Toscana herauf auf den Apennin zurollte keine heile Eisenbahnlinie mehr in Betrieb war. Gerade waren die Alliierten in Rom eingezogen. Seit die Alliierten in Italien gelandet waren konnten sie nun von ihrer Basis in Foggia aus, auch Wien aus der Luft angreifen, so dass es nunmehr keine deutsche Stadt mehr gab, die nicht unter Luftangriffen zu leiden hatte. Im Osten war nach der Sommeroffensive der Sowjets der Mittelabschnitt zusammengebrochen und die Katastrophe war noch vernichtender als die in Stalingrad. Der ganze Balkan war ein Partisanenmeer und wie die Soldaten aus der Ägäis wieder nach Hause kommen sollten war ein offenes Rätsel. Dazu war man ständig auf die Landung der Alliierten in Frankreich gefasst. Hitler schickte die V-Waffe nach London und die Parteibonzen trompeteten vom Endsieg. Hinter jedem zweiten Gespräch klang der Wunsch durch, doch dem beschissenen Krieg endlich ein Ende zu bereiten und die Hoffnung der zu erwartenden Katastrophe zu entkommen. Die Stimmung der Soldaten war auf dem Nullpunkt gesunken. Es sollte aber noch schlimmer kommen- obwohl sich das kaum einer vorstellen konnte.
Zurück zu uns: Wir waren 4 Scharfschützen und waren in der Zeit in der wir zusammenwaren schon recht gute Freunde geworden. Besonders mit dem Jelinek-Franzi verstand ich mich sehr gut. Er war aus einem Gemeindebau in der Linzerstrasse. Wir sollten-bis auf weiteres- in einer Kaserne der italienischen Armee Quartier nehmen. Da trafen wir dann unsere „Bundesgenossen“. Das Urteil war schnell gefällt. Von weitem war bereits zu erkennen, dass wir mit dieser Hilfe den Krieg sicher nicht gewinnen konnten, denn die waren ja noch weniger als wir gewillt, den Kopf hinzuhalten. Wofür auch. Aber es hatte den Vorteil, dass ich mich bereits mit den wichtigsten Worten der fremden Sprache beschäftigte. Die Kaserne in Bologna war genau so hässlich, wie die Kasernen die ich bei uns kennengelernt hatte. Es gab einen Platz, wo man schlafen konnte- es gab eine Küche, wo man zu essen bekam. Aber eine Besonderheit hatte die Itaka-Kaserne doch. Die lernte man aber erst kennen, wenn man das Gegessene erst einmal loswerden musste. Am Ende eines langen Ganges waren dazu zwei Türen an jedem Ende. Trat man durch diese hindurch, dann riss der an mitteleuropäische Bequemlichkeit gewöhnte Bedürftige erst einmal die Augen auf, bevor er die Hose herunterriss. In einer verfliesten Mulde waren nur zwei erhabene Trittsteine und dazwischen ein Loch. Es kostete geraume Zeit und Übung, bis man sich mit dieser Form der Entleerung abfinden konnte.
Sonst gab es nichts zu tun, also auf in die Stadt. Wir strandelten durch die engen Gassen der Altstadt, besuchten während eines Fliegeralarmes einen wunderschönen Park auf einem Hügel. Sonst nichts. Und was tun Soldaten, wenn ihnen fad ist? Richtig! Sie gehen ins Puff! Nun war ich zwar nicht mehr ganz unbeleckt von den Erfahrungen der Liebe, hatte ich doch ein Mädchen in Wien zurückgelassen. Aber die käufliche Liebe war doch noch ein Fremdwort für mich. Gewiss war bei den Soldatengesprächen immer wieder davon die Rede gewesen, aber so hautnah war ich doch noch nie dran gewesen- Ich hatte weder Zeit noch Geld dafür. Beides war aber nun vorhanden, denn unser Wehrsold war in Lire ausbezahlt worden und Zeit– och, da hatten wir genug davon. Für mich kam dann noch dazu, dass ich mit meinen kaum 19 Jahren ja noch eine Menge kennenzulernen hatte. Und noch dazu, wo ich doch auf dem Weg in den Krieg war. Und da sollte es ja eine Menge geben, die gar nicht bis dorthin gekommen waren, sondern schon auf dem Weg dorthin ins Gras gebissen hatten. Und ohne eine solche Erfahrung, nein das ging nicht, das konnte ich nicht ungenutzt vorübergehen lassen. Ehrlich gesagt, allein und aus eigenen Antrieb wäre ich nie dahin gegangen. Also rottete sich eines späten Nachmittags eine Runde zusammen- viele ältere Soldaten dabei, die auch eine Menge Erfahrung anzubieten hatten. Und die wussten natürlich den Weg, zu einem solchen Etablissement. Vor der engen, dunklen Treppe zögerte ich noch. „Du brauchst nichts zu tun, nur zum Zuschauen!“
Der Versucher siegte. Ich stieg hinauf und sah zu. Zwei relativ junge Italienerinnen bemühten sich zuerst umeinander, dann um einen älteren Herren. Ohne Erfolg. „Du müde!“ und dann gaben sie es auf. Für mich war diese Erfahrung so nachhaltig, dass ich nie in meinem Leben noch einmal der Versuchung unterlegen bin.
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