Wenn ich früher einmal über unseren Viktor-Adlermarkt schlenderte und bei den Gemüsegeschäften gustierte wo ich wohl meinen Karfiol kaufen werde, da kam es öfter vor, dass mir der Duft einer zur Verkaufsförderung angeschnittenen Frucht um die Nase fächelte. Im Winter waren das vorzugsweise Orangen, die ihr manchmal blutrotes Kernfleisch zeigten und Dir zuriefen: „Nimm mich mit- schau doch, wie gut ich aussehe!“ Im Sommer aber waren es die Zuckermelonen, deren honiggelbes Inneres einen betörenden Duft verströmte. Eben dieser Duft war es, der in mir Erinnerungen auslöste und mich in eine Zeit zurückführte, die unbeschreibliches Glück und tiefen Trennungschmerz gebracht hatte. Das Glück war ein sehr fragiles Glück, weil sein zeitliches Ende programmiert war und der tiefe Schmerz, weil immer im Hintergrund der Gedanke war– es hätte doch auch anders sein können.
Ich will Sie zurückversetzen in den Frühsommer des Jahres 1944 in das von deutschen Truppen besetzte Norditalien. Der größere Teil der heute tätigen Menschen, weiß von dieser Zeit nur mehr aus Erzählungen. Kaum jemand kann sich vorstellen, wie es sich in einem vom Feind oder „Bündnispartner“ besetzten Land lebt. Es war ganz offensichtlich so, dass der mehrheitliche Teil der italienischen Bevölkerung uns- die deutschen Besatzer, zu denen ich nun einmal gehörte- zum Teufel wünschte. Und es gab nicht wenige, die tatkräftig daran arbeiteten uns auch dorthin zu befördern. Dem Oberkommando der Südfront, das die schwierige Aufgabe hatte mit verhältnismäßig geringen Mitteln den „Stiefel“ zu verteidigen, war dies natürlich bekannt. Um Präsenz zu zeigen, placierte sie die wenigen verfügbaren Ersatzeinheiten mal dahin, mal dorthin um Aufruhr zu unterbinden. Viel später erst-mit der literaturmäßigen Aufarbeitung der damaligen Zeit- las ich, dass man deutscherseits auch mit einer neuerlichen Landung hinter der Front, im Raum Rimini, rechnen musste und für diesen Fall die Ersatzeinheiten in diesem Raum zur Verfügung hielt. Auf diese Weise lernte ich einige der nach Norden führenden idyllischen Täler nördlich des Appenninenkamms kennen. Es würde zu weit führen das ganze Hin und Her zu schildern und es ist auch für den weiteren Gang der Erzählung nicht wichtig. Entscheidend war, dass ich mit meinen Kameraden schließlich den Befehl bekam uns beim Bataillonsstab unserer Einheit zu melden. Das ging in der Zwischenzeit nur mehr per Auto und funktionierte so: Man stellte sich an eine Hauptverkehrsstrasse- in unserem Fall die ehrwürdige Via Emilia- und hielt einen Wehrmachts-LKW an. Der Fahrer war in den meisten Fällen froh, Begleitung zu haben, denn man placierte sich auf Trittbrett und Kotflügel des LKW und fungierte so als Luftbeobachter. Das hatte schon des öfteren bei einem Luftangriff zur Lebensrettung des Fahrers geführt. Ich war natürlich mit Franz und Herbert unterwegs und wir hatten Glück, denn unser LKW sollte nach Rimini. Rimini!!! Gedankenblitz- wär doch nicht schlecht, wenn wir einmal baden in der Adria! Als wir in Cesena vorbeifuhren sahen wir zwar den zarten Hinweis, dass es da noch irgendwo unseren Dienstauftrag gäbe. Aber wir übersahen das großzügig und verbrachten einen Vormittag badend am Strand von Rimini. Die Rückfahrt geschah auf die gleiche Art. In Cesena aber sprangen wir vom Lkw. Da standen wir nun vor dem Pappkarton auf dem in ungelenken Zeichen „FEB HuD“ geschrieben stand. In klaren Worten ausgedrückt hieß das: Feldersatzbataillon Hoch- und Deutschmeister. Genau dort mussten wir hin. Wir sind wohl auf die gleiche Art weitergekommen- genau kann ich mich daran nicht mehr erinnern. Es war aber nicht weit, denn bereits im zweiten Dörfchen hinter der Stadt waren wir angekommen. Das Dorf hieß San Carlo und das Kommando residierte im Bürgermeisteramt der Gemeinde. Das war ein respektables Steinhaus gleich an der Hauptstraße. Unser Hinweis auf die Verkehrsschwierigkeiten und die dadurch verspätete Ankunft wurde mit Verständnis aufgenommen und nach kurzer Warterei- immer eingedenk der uralten Landserweisheit: Die Hälfte seines Lebens wartet der Soldat vergebens!- brachte uns ein Soldat zu unserem Quartier. Bergauf etwa zweihundert Schritte- ein typisches Bauernhaus aus Ziegel in vollendetem Quadrat mit einem über eine Treppe erreichbaren Stockwerk. Ein großer Raum mit einem Fenster, Ziegelboden. Rechts und links von einem Mittelgang aufgeschüttetes Stroh. Es bot Platz für 14 Männer. Als wir ankamen sahen wir auch die nicht grade freundlichen Gesichter der Eigentümer. Es waren zwei junge Männer, die unsere Ankunft beobachteten. Nachdem wir unser Lager gerichtet hatten, gingen wir mit den schon vorhandenen Soldaten unseres Quartiers wieder hinunter zum Stab wo wir unsere zukünftigen Aufgaben erfuhren. Sie bestanden eigentlich hauptsächlich im „Vorhandensein“. Denn außer Morgenappell und Essensempfang gab es nur Dienstroutine- Wachdienst, Fahrbegleitung, Meldegänge und Kontrolldienst in der Umgebung des Dorfes. Zu all diesen Dingen bekamen wir unsere Waffen ausgehändigt. Die übrige Zeit blieben sie wohlverwahrt. Es hätte uns nun angesichts dieses gewaltigen „Nichtstuns“ eine furchtbare Langeweile befallen müssen. Davor bewahrte uns das Kennenlernen unserer zwangsbeglückten Quartiergeber. Es waren Bauern. Aber nicht etwa auf eigenem Grund und Boden, sondern das Haus, das Feld, die Bäume gehörten dem Padrone und sie waren nur Pächter und unendlich arme Leute. Es dauerte nicht gar lange und wir lernten sie alle kennen. Da waren Alfredo und Quarto, die uns ja schon empfangen hatten. Alfredo war blond, lebhaft und etwa 22, Quarto dunkel, schweigsam und 20 Jahre alt. Bald auch steckte der quirlige Guerino seine Nase in unser Quartier. Er war der jüngste von dem Terzett–18. Darüber hinaus aber gab es nur Mädchen: Die 19-jährige ernste Augusta, die fröhliche 15-jährige Teresina und als Nachzügler die 3-jährige Pierina. Natürlich gab es auch Eltern , die den Laden in Ordnung hielten und es waren vor allem die mitleidigen, gütigen Augen von Mamma, die mir Mut machten die Schranken, die uns trennten, abzubauen. Nach kurzer Zeit bereits fühlten wir uns recht wohl bei den Silighini in San Carlo und von mir aus hätte sich da auch nichts ändern müssen. Mir kam vor, schon nach kurzer Zeit ein richtiger Romagnolo geworden zu sein. Dies war der Ausdruck, den unsere Quartierleute verwandten, wenn sie von ihrem Italienisch sprachen, das ich immer begieriger erlernte. Das hatte natürlich seinen Grund. Und meine Freunde wussten ihn auch bald, denn es war in meinen Blicken und meinem Verhalten zu lesen. Er hieß Augusta.
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