Kategorie: Allgemein

  • ….und doch gefunden

    Es ist nun schon fast zwei Monate her, dass ich einen Beitrag schrieb dessen Titel in den ominösen Punkten mündete, die im allgemeinen eine Fortsetzung erfordern. Die meisten Leser konnten wahrscheinlich auch nicht viel damit anfangen, denn es war eine rein persönlich empfundene Schilderung einer Wanderung zur Adventzeit.

    Es war etwa zwei Jahre später. Wieder war es Winter. Es wehte ganz grauslich und es war saukalt. Die Wandergruppe hatte sich in eine Schutzhütte gerettet und nachdem man sich mit heisser Suppe und Glühwein etwas erfangen hatte, brachte jemand das Gespräch auf eben jene Adventfeier. Erstaunt hörte ich zu wie Ingeborg- die inzwischen meine Partnerin geworden war- über jenen gemütlichen Abend und die darauf folgende morgendliche Wanderung zum Preiner Gscheid erzählte. Vom Stapfen durch die Schneewehen und dem bitter kalten Sturm. Und von dem Mittagessen danach im Gasthof, wo kaum mehr ein Platz zu finden war, wegen einer Hochzeitsfeierlichkeit und wir eng zusammenrücken mussten um alle noch Platz zu finden. „Wieso weisst denn DU das? Du warst doch gar nicht dabei?“ „Aber selbstverständlich! Ich bin doch neben dem Gerhard gesessen! Aber Dich hab ich nicht gesehen!!!“ Nachdem uns Teilnehmer der damaligen Fahrt glaubhaft versichert hatten, dass wir beide wirklich anwesend waren und uns nur trotz der geringen Zahl der Anwesenden einfach nicht wahrgenommen hatten, schlossen wir den Disput kopfschüttelnd ab. Und heute noch- wenn die Rede auf die Rax kommt- erhellt sofort ein Lächeln unser Gesicht und wir werfen uns einen schelmischen Blick zu.

    Es ist doch was seltsames in diesem Leben. Da trottest du dahin- ohne Plan und ohne Ziel. Du hebst aus dem Fluss des Lebens eine Handvoll Kiesel. Achtlos wirfst du sie wieder ins Wasser zurück. Wäre da nicht dieser eine Lichtstrahl, der einen Kiesel aufleuchten liesse. Und du musst zugreifen und ihn nicht mehr loslassen. Ich habe meinen Edelstein gefunden. Ich habe ihn nicht gesucht und doch gefunden.

  • Sinn der Geschichte

    Der Kommentar zu meinem Beitrag –MEIN– brachte mir Zugang zur website von Christiane Windhausen. Viele ihrer Nachdenkresultate decken sich mit meinen Zugängen vollkommen. Manches finde ich problematisch, nichts aber eigentlich verkehrt.

    Ganz besonders habe ich mich auseinandergesetzt mit dem Kapitel: Der Sinn der Geschichte. Für viele Menschen ist die Beschäftigung mit Geschichte ein trockenes Herunterbeten von Jahreszahlen, Regierungszeiten und Schlachten. Das war es anfangs für mich auch. Bald aber bin ich dahintergekommen, dass es nicht wesentlich war, zu wissen, wann dies oder jenes geschehen war, sondern dass man erkennen muss, warum es geschehen war und wozu dies geführt hat. Denn nur daraus resultiert die Erkenntnis, dass alles Geschehen sowohl in der Zeit als auch im Raum unwiderruflich und unlösbar miteinander verknüpft ist. Christiane schreibt, das das uneingestandene Scheitern der Elterngeneration ihr viel Leid bereitet hat. Ich gehöre nur fast zu dieser Elterngeneration, denn ich war noch ein Kind als das Scheitern noch nicht greifbar war, als die meisten Menschen noch glaubten in eine bessere Zukunft zu gehen. Trotzdem war auch ich mit der unangenehmen Frage meines Sohnes konfrontiert: „Wieso habt ihr es soweit kommen lassen?“ Es ist mir bewusst, dass ich auf so eine Frage zwar die richtige Antwort geben konnte, gleichzeitig aber weiss, dass ich nicht erklären konnte, was die Gefühle der Menschen von damals waren. Man kann eben nicht die gesellschaftliche Situation der frühen Dreissigerjahre vollinhaltlich an junge Menschen vermitteln die in der Welt der Siebzigerjahre ihre Charakterbildung erfahren haben. Ich habe als Knabe die Diskussionen zwischen Sozialdemokraten und Nationalsozialisten in meiner Familie miterlebt und weiss, dass alle die einfachen Menschen von damals, nur das Beste wollten. Ich kann mich noch genau daran erinnern wie mein Vater, seinen vor Führerbegeisterung hüpfenden Sohn vor dem Hotel Imperial an den Schultern niederdrückte und zwischen den Zähnen murmelte: „Faschismus heisst Krieg, Bua!“ Aber wenn ein ganzes Volk keine andere Alternative mehr sieht um aus der Hoffnungslosigkeit zu entkommen und die ganze Welt-ausser Mexiko- zur Kenntnis nimmt, dass es dieses Land nicht mehr geben soll, wer wirft da den ersten Stein? Und ich entsinne mich der bitteren und reuigen Worte meines Onkels, der illegaler Nazi war, in seinem letzten Brief vom Mittelabschnitt der Ostfront. Aber da war es schon lang zu spät und er hat es mit seinem Leben bezahlt, wie Tausende andere jungen Menschen auch. Solange wir alle aus dieser Katastrophe, der Unmenschlichkeit der KZs, dem Abschlachten im Felde und dem Bombenterror etwas gelernt haben ist das wenigstens für Europa ein Segen. Anderenorts hat sich das leider noch nicht herumgesprochen und ich glaube auch nicht daran, dass die mentale Evolution des homo sapiens auf einem geraden und einfachen Weg erfolgt. Richtig ist, dass der Ausgangspunkt jeder Generation aufgrund gemachter Erfahrungen höher liegt, als jener der vorausgegangenen Menschen. Aber die ungelösten Probleme der Vergangenheit bringen vom graden Weg weg und so verläuft Evolution leider wie ein Schraubengewinde in Spiralen nach oben. Und es hängt immer wieder von den gewählten Alternativen an den Schnittpunkten des Weges ab, den eine Gesellschaft geht. So ist die Menschheit in jedem Zeitpunkt selbst Kreator ihrer Zukunft. Ich hoffe so wie Christiane, aber aus einer vollkommen anderen Sichtweise, dass es möglich ist einen friedvollen, humanistischen Weg zu gehen.

  • Unchained

    Heute nacht in 3sat gesehen: Die Wiedergabe eines Konzerts von RAY CHARLES. Faszinierend der grosse alte Mann des Soul. Ich habe die Augen zugemacht und nur mit meiner Seele gefühlt. Natürlich war dabei Unchained My Heart und ebenso I Can´t Stop Loving You. SOUL: Ganz tief hineinhorchen in sich selbst und Du findest ein Wesen, das niemand kennt.

  • IN GOD WE TRUST

    Die vergangenen Jahrhunderte sind uns schon lange aus dem Blickfeld entschwunden. aber allein aus dem letzten Jahrhundert sehe ich eine Legion von Ermordeten. Ermordet durch eine geistige Fehleistung. Sie hat immer am Wortende einen -ISMUS angehängt bekommen. Islamismus, Zionismus, Katholizismus, Faschismus et cetera. Fanatismus eben. Und das alles oft im Namen eines mildtätigen Gottes.

    Aber wenn dann einer sich selbst entschliest, zu sterben, dann reden sie gross von Moral und Ethik und Euthanasie und verweigern ihm in geweihter Erde begraben zu werden. Ich habe einen-zugegebenermassen- unheiligen Neujahrswunsch. Die schwarz und kardinalrot und purpurgewandeten Verweigerer mögen sich vorstellen ein Jahr bewegungslos an eine Maschine gefesselt zu sein und nur mit den Augen um Barmherzigkeit betteln zu dürfen. Nur ein Jahr– nicht zehn!

    Und ein GI erlöst einen Verwundeten Iraker indem er ihm mildtätigerweise ins Gesicht schiesst. Wie lautet die Staatsdevise der USA?

    IN GOD WE TRUST

  • MEIN

    Der deutschen Grammatik nach ist mein ein besitzanzeigendes Fürwort. Wenn die Grammatik an sich zwar ein recht ungeliebtes Sprachvehikel darstellt, so ist das Wörtchen mein nichtsdestotrotz eines jener Worte, dessen der Sprecher sich sehr gerne bedient. Es drückt eben Besitz aus, Stolz etwas zu haben, was andere vielleicht gerne hätten, was man im Leben erreicht hat. Es steht in engster Beziehung zum EGO. MEIN Mercedes, MEIN Haus, MEINE Stereoanlage, MEIN Weblog. Solange es um Neutra geht ist das auch wunderbar. Auch solange es um den eigenen Körper geht ist das Wort auch noch sehr angebracht. MEINE Nase rinnt, MEIN Arm schmerzt. Ein wenig anders hört es sich schon an wenn es um anderes Leben geht. MEIN Kanarienvogel oder MEIN Hund ist auch noch denkbar, vor allem deswegen weil in unserem Rechtsgebrauch Tiere ja „Dinge“ sind. Aber wie anders wird das Wort MEIN, wenn es vor fremden Leben steht. Ist es denn nicht so, dass dem Wort MEIN auch die absolute Verfügungsgewalt zugeeignet wird. Wie steht es dann bei MEINE Eltern? Da geht es ja grade noch, aber wie, bei MEINE Frau oder MEIN Mann oder am schlimmsten MEINE Kinder!! Lesen, hören und sehen wir doch fast Tag für Tag wie sehr mit MEIN Schindluder getrieben wird, wie man vollkommen missversteht was MEIN bedeutet. Nämlich zuallerletzt Besitz, sondern Zueignung und vom Tier angefangen vor allem Liebe. Ich werde darauf noch zurückkommen.

  • Traum und Tag

    Unwillig rücke ich mit geschlossenen Augen an die Wand. Ich spüre wie Du die Decke angehoben hast und zu mir hereinschlüpfst. Dein Kopf kuschelt sich in meine Armbeuge. Ich murre ein wenig, denn ich bin noch nicht ganz ausgeschlafen. Der Krimi hat gestern bis nach Mitternacht gedauert und als ich zu Bett ging, hast Du schon lang und selig geschlafen. Trozdem ist es wunderschön Deinen Körper zu umarmen. Ich versuch ein Auge zu öffnen. Draussen ist es noch winterdunkel. Brrrr, und sicher kalt. Wie schön ist es dagegen Deine Wärme zu spüren. Ich mach das Auge wieder zu, meine Hand streichelt über Deine Wange, zeichnet den Bogen Deiner Augenbrauen nach. Du reckelst Dich wohlig in meiner Umarmung. Wie schön ist es neben Dir zu erwachen, Geliebte. Die Minuten zwischen Traum und Tag– ich möchte sie nicht missen. Sehnsuchtsvoll strecke ich meine Hände aus, um den Augenblick festzuhalten und doch — er entflieht. „Soo, jetzt mach ich Frühstück!“ und Du bist weg. Sse la wie, wie der Franzose sagt. Hart ist das Leben!

  • Ein Schritt vorwärts

    Menschen, die es eilig haben sollten diesen Beitrag lieber links liegen lassen. Es wird nämlich eine längere Geschichte. Eine Neujahrgeschichte.

    Für Soldaten sind Weihnachtsfeiertage eher traurige Tage. Besonders in Kriegszeiten, wo man sowieso schon nichts zu lachen hat. Und noch dazu in einer Gegend in der man nicht besonders erbaut war, wenn man Soldaten der Besatzungsmacht sah. So war es auch zur Jahreswende von 1943 auf 1944 nahe der slowakischen Grenze in einem Landstädtchen das man damals Ungarisch-Hradisch nannte. Unter diesem Namen findet man es heute nicht mehr auf der Landkarte, denn es hat wieder den Namen angenommen, mit dem es die Einheimischen schon immer nannten: Uherske Hradiste mit zwei Hatscheks auf den beiden s, die man in der deutschen Schreibmaschinentastatur vergeblich sucht. Der Kontakt zur Zivilbevölkerung war minimal und auch von der feldgrauen Obrigkeit nicht gerne gesehen. Ein grosser Platz mit Kirche, ein paar Gasthäuser und eine gute Konditorei, die auch von Wehrmachtsangehörigen besucht wurde, denn dort gab es -markenfrei- noch köstliche Backwaren. Sie waren auch die einzigen Berührungspunkte mit der mährischen Bevölkerung. Am Nordwestende des Städtchens befand sich eine grosse Kaserne noch aus der Zeit als das Land sein eigenes Militär hatte und da waren zwei oder sogar drei Infanterieeinheiten einquartiert, die dort zum Einsatz an der Front vorbereitet wurden. das ganze hiess sich Marschkompanie. Zweimal am Tag Gefechtsdienst, Wache schieben und wenn man dienstfrei hatte Gasthaus oder Konditorei. Wegen der Feiertage reduzierte sich am heiligen Abend und am Christtag

    der Gefechtsdienst auf einmal rumkriechen im schlammigen Gelände. In den muffigen schlecht geheizten Stuben dufteten Weihnachtszweige mit Kerzen dran und die Marketenderei ergoss über das zukünftige Kanonenfutter eine ausserordentliche Zuteilung von Alkoholika und Rauchwaren. Der grösste Teil des Stammpersonals- Offiziere und Unteroffiziere- hatten Weihnachtsurlaub erhalten und der Umgangston war etwas weniger rauh und ordinär. Trotzdem hiess es immer um 22 Uhr: Zapfenstreich und in die Falle. Aber am Sylvesterabend gab es neuerliche Gaben von der Marketenderei und es wurde durch den Offizier vom Dienst beim abendlichen „Appell“ verlautbart, dass erst um 2 Uhr früh „Licht aus“ befohlen wird. Damit wir das neue Jahr auch richtig begrüssen konnten. Für viele das letzte Neujahr in diesem Leben, aber das wussten sie besser nicht. Die allgemeine Fröhlichkeit war überwältigend und man ging mit einem Glas oder einer Flasche in der Hand von Freund zu Freund um mit ihm anzustossen. Gar mancher hatte etwas zuviel gesoffen und am nächsten Morgen pfiff der Unteroffizier vom Dienst- der meistens nur ein Gefreiter war- mitleidlos um 6 Uhr früh: „Aufstehen“. Was bedeutete, dass die Feiertage vorbei waren und der triste Kasernenalltag wieder eingekehrt war.

    Als die Kompanie in der oft geübten Ordnung zum Morgenappell angetreten war schritt der OvD durch die Reihen der teilweise noch schlaftrunkenen Gestalten. An seinem mokanten Grinsen konnte man erkennen, dass es ihm richtig Freude bereitete, den müden Figuren einen schönen, ordentlichen Gefechtsdienst zu verpassen damit sie wieder Lebensgeister bekommen. Er war noch recht jung- vielleicht 24 Jahre alt oder vielleicht sogar noch ein Jahr jünger. Er stammte aus Ostpreussen und war allseits unbeliebt, weil er ein ordentlicher Schinder war. Er hatte die gesamten Weihnachtsfeiertage in der Kaserne verbracht und von Feiertagsstimmung war bei ihm wirklich nichts mehr zu bemerken. Nachdem er beim Durchschreiten da oder dort Unregelmässigkeiten der Kleidung bemängelt, mehr aber noch Unkorrektheiten der Haltung kritisiert hatte, baute er sich vor uns auf und schmetterte: „Wer noch nicht richtig ausgeschlafen ist- ein Schritt vortreten“. Die Kompanie stand wie eine Mauer. Vom Gangaufwaschen bis zum Latrinensäubern war alles zu erwarten, wenn man sich da meldete- nein, da war der Gefechtsdienst schon noch besser. Aber da – was war das: Da trat doch tatsächlich der Lange aus dem ersten Glied vor. Na, den erwartete was. Der Oberleutnant stiefelte heran, sah dem Schützen A…. scharf ins Gesicht: „Sooo, Sie sind also noch schläfrig!“ Der Schütze erwartete nun seine Strafe.

    Nach einem „Jawoll, Herr Oberleutnant“, drehte der Offizier um, trat einen Schritt zurück und sagte in mildem, versöhnlichen Ton:“ Na, dann gehn Sie auf ihre Stube, legen sich hin und schlafen bis Mittag“.

    Der Schütze tat wie ihm befohlen unter den bewundernden Blicken, sowohl der Unteroffiziere, aber noch mehr seiner Kameraden, die zum Gefechtsdienst ausrückten. Aber während er sich seiner Uniform entledigte, um in sein Lager zu klettern und dem Befehl Folge zu leisten dachte er: „Er ist trotzdem ein Arschloch- ein sturer ostpreussischer Kommissknopf“.

    Damit wäre die Geschichte eigentlich erzählt. Abr der Schritt vorwärts hatte Folgen. Abgesehen davon, dass die Unteroffiziere nicht mehr so genau die Wäschekanten im Spind prüften und die Falten der Decke auf seiner Liegestatt übersahen, wurde er nicht mehr zum Stubendienst befohlen und die Kameraden machten gerne Platz, wenn er sich zu ihnen am Esstisch gesellte und Kaffeholen musste er auch nicht mehr. Als der Oberleutnant ein paar Tage später wieder Dienst hatte, blieb er vor dem Schützen beim Morgenappell stehen:“ Sie melden sich nach dem Wegtreten in der Schreibstube“—„Heiliger Bimbam, was hab ich denn angestellt, dass ich zu den Schreibhengsten muss“. Wenige Minuten später hatte der Schütze einen Marschbefehl in der Hand, der ihn zu einem Schilehrgang auf die Rax befahl. Juchu! Das war ja fast wie Heimaturlaub- aber auf jeden Fall weg von der öden Kaserne und ihrem noch öderen Drill. Der Schütze war in seinem Leben noch nie auf Schiern gestanden und es waren ereignisreiche Tage, die er auf dem Karl-Ludwighaus verlebte. Man lernte ihm, wie er sich auf Schiern durch den russischen Winter schlagen konnte. Mit fadem Gefühl gliederte sich der Schütze wieder in den Kasernenbetrieb ein. Der Oberleutnant begrüsste ihn mit einem knappen „Aha, auch wieder da“. Es möge vielleicht eine Woche später gewesen sein, da blieb der Oberleutnant wieder vor dem Schützen stehen. Der dachte:“Na, jetzt hat er den Bericht über mein Verhalten auf dem Skikurs bekommen. Und berühmt bin ich ja dort wirklich nicht geworden!“ Aber nein! „Sie haben doch in Ihrer Ausbildungszeit in Brünn an einem Preisschiessen teilgenommen und einen Preis gewonnen!“-„Jawoll, Herr Oberleutnant“. Wenig später sass ich auf der Bahn mit einem Marschbefehl zu einem Schützenlehrgang in Bruck an der Leitha im Soldbuch. Juchu- schon wieder Heimaturlaub. Diesmal waren es gleich sechs Wochen und jedes Wochenende daheim bei Mutti.

    Aber auch diese Zeit ging vorbei und ich musste zurück zur Ersatzkompanie. Die Kaserne war leerer geworden, denn gut die Hälfte war bereits auf dem Weg in die Menschenvernichtung. Meine Stubenkameraden waren noch da und ja- der Oberleutnant auch. Aber man rechnete täglich damit, dass der Marschbefehl an die Ostfront kommen werde. Man wird es nicht glauben, aber die Geschichte wiederholt sich noch einmal. Der Oberleutnant schickte den Schützen noch einmal in die Schreibstube.“ Weil Sie so gute Ergebnisse beim Schützenlehrgang hatten“ schnarrte er. Diesmal war es der Scharfschützenlehrgang im gleichen Ort wie vorhin. Wieder Urlaub und zu Hause bei Mutters Kochtöpfen. Dazu beim gemütlichsten Verein den es in der deutschen Wehrmacht wohl gab. Nur ein Umstand sei genannt: Es war verpönt im Gleichschritt zu gehen und das Gewehr wurde so getragen, wie es die Jäger tragen.

    Als der Schütze nach neuerlichen sechs wochen wieder zu seiner Kaserne zurückkehrte, war die Kaserne fast leer. Nur die Schreibstube war noch da und bei ihr ein Marschbefehl zum Ausrüstungslager der Scharfschützen in Payerbach. Den Oberleutnant hat der Schütze nie wieder gesehen.

    Kann sein, dass er im Gesicht des jungen Soldaten den Mut zum Risiko gelesen hat, den Mut einen Schritt zutun, den niemand sonst tut. Dinge, die der junge Soldat noch lange nicht erkannt hatte und die er sich erst mühsam selbst erklären musste. Es kann sein, dass der Oberleutnant den Scheisskrieg überlebt hat und auf der militärischen Stufenleiter hinaufgeklettert ist. Kann sein, dass er irgendwo in den Wäldern oder Sümpfen Russlands geblieben ist. Kann sein, dass er gar kein so sturer, ostpreussischer Kommisknopf war. Kann sein, dass er nie einen Orden bekommen hat. Jetzt bekommt er einen:

    Danke, Herr Oberleutnant Schilhavsky

    Ich sagte ja- es ist eine lange Geschichte und wer glaubt, dass sie gut ausgedacht ist- der irrt sich.

  • Unausweichlich…

    ….unerbittlich, unaufhaltsam rinnt die Zeit. In den Jahren werden die Begräbnisse häufiger an denen man teilnimmt und die Freunde und Bekannten werden immer weniger. Die Lücken werden immer grösser und wie viele sind es, die mich durch ein halbes Leben begleitet haben und fehlen schon, wenn ich in die Runde blicke. Heute traf es mich wieder. Es war ein stilles, einfaches Begräbnis und nur wenige Menschen waren da. Nur der allerengste Familienkreis war gekommen um Abschied zu nehmen.

    Die feierlichen Klnge von Bach’s „Air“ passten so recht in den kargen Schmuck der Aufbahrungshalle und während die Worte des Geistlichen an meinem Ohr vorbeiklangen sah ich auf den Sarg, der einen Körper barg. Mein Blick wandte sich nach innen und vor meinem Auge zogen die Augenblicke vorbei die unser Leben verbunden hatten.

    Es mag so um 58 oder 59 gewesen sein und ich war zu dieser Zeit Fahrverkäufer bei Coca-Cola und zusätzlich zu der 6-Tage-Woche hatte ich Verkäufe übernommen, die Samstag abends oder Sonntag an Sportstätten durchgeführt wurden. Das war ein ganz besonderer Knochenjob, denn wenn ich nachrechne wieviele Colakisten ich wohl über die steilen Stufen des Wiener Stadions oder im Wiener Parkklub hochgeschleppt habe, dann wird mir jetzt noch flau im Magen. Und dazu auch noch die schweren Kühltheken um das Getränk auch mit der richtigen Trinktemperatur an den Mann zu bringen. Das erforderte lange Vorbereitung um beim Anpfiff parat zu sein. Dazu hatten wir pro Theke 10 bis 12 „Läufer“. Sie liefen mit vollen Trägern durch die Sitzreihen, öffneten die Flaschen, gossen das Getränk in Pappbecher und kamen mit Geld und Leerflaschen zurück an die Theke um neue Flaschen zu holen und lieferten gleichzeitig das eingenommene Geld ab. Das musste-besonders während einer Pause- in Wahnsinnstempo vor sich gehen und man brauchte schon gute Nerven um den Stress durchzustehen und ich kann mich da an manche kritische Situation erinnern.

    FRITZ war ein paar jahre älter als ich und zu dieser Zeit Lagerarbeiter bei meiner Firma. Was lag näher als dass er mir schon ab Lager half und als Läufer war er nicht nur einer der fleissigsten, sondern auch einer der ehrlichsten. Am Ende einer solchen Veranstaltung setzten wir uns bei einem Glas Bier zusammen um den eingeheimsten Überschuss redlich zu teilen. Und eines Tages sitzt da beim Fritz seine kleine Tochter und er stellt sie mir vor: „Und das ist die Mutti- die Gunda!“ So lernte ich sie kennen. Fritz hatte sie während des Krieges kennengelernt und nach dem Krieg aus dem heimatlichen Franken nach Wien mitgenommen. So sahen wir uns ab und zu bis… Ja bis ich mich 1961 in die Telefonistin aus unserer Firma verliebte. Es blieb nicht aus, dass ich ihre Eltern kennenlernte und dann auch noch in der näheren und ferneren Verwandtschaft beaugapfelt wurde. Und dann hiess es eines Tages: Wir gehen zum PIPI-Onkel! Und wer war das? Der Fritz mit seiner Gunda! Da haben wir aber Augen gemacht!

    So kam sie in meinen Umkreis, denn wir waren jedes Monat einmal ode zweimal beisammen. Schon wegen des Tarockierens, das Fritz, den Vater von Helga, Helga und mich immer wieder zusammenführte. Während die Trauergäste ihre Litanei murmeln sehe ich ihre lustigen Augen in dem erbosten Gesicht, wenn wir zu wenig ihrer hervorragenden Küche zugesprochen hatten, ich höre das helle Lachen,wenn wir versuchten -meistens vergeblich- ein paar Worte Wiener Dialekt mit ihr zu sprechen. Ich sehe ihr zerquältes Geicht, als sie an der Bahre ihrer Tochter stand. Ich höre das „Bitt für uns“. Ich glaub Gunda für Dich braucht niemand zu bitten, Du warst ein wunderbarer, liebenswerter Mensch.
    Vor 5 Jahren ist Dein Fritz vorausgegangen. Du hast es kaum bemerkt. Dein Geist hatte sich in den Alzheimer-Labyrinthen leise davongeschlichen und du hast uns nicht mehr erkannt.

    Nun liegst Du da. Es ist zu Ende. Soll ich sagen: Es war eine Gnade?

    Ich schäme mich meiner Tränen nicht, während ich dies schreibe.

    Adieu, Gunda! Adieu!

  • ganz kleine Nachtmusik

    Da sitzt Anna Sofie Mutter-als Violinvirtuosin weltbekannt- neben Harald Schmidt auf dem Klavierstockerl. Nach köstlichen, vorbereitendem Diskurs spielt sie die rechte Hand und er- etwas holpriger- die linke Hand. Mozart schrieb dieses kleine Menuett als achtjähriger. War wunderbare Mitternachtsmusik. Wünsch ich mir öfter mit so prominenter Besetzung!

  • Ein wunderbares Kind

    …..hatte seinen ersten Geburtstag. Da konnte Opa doch wirklich nicht am Schreibtisch verborgen bleiben. ich hoffe mich hat niemand vermisst. Und wenn auch schon. Man wird einsehen, dass es viiiiiieeel wichtigeres gibt. Aber ich komme wieder.