Der Kommentar zu meinem Beitrag –MEIN– brachte mir Zugang zur website von Christiane Windhausen. Viele ihrer Nachdenkresultate decken sich mit meinen Zugängen vollkommen. Manches finde ich problematisch, nichts aber eigentlich verkehrt.
Ganz besonders habe ich mich auseinandergesetzt mit dem Kapitel: Der Sinn der Geschichte. Für viele Menschen ist die Beschäftigung mit Geschichte ein trockenes Herunterbeten von Jahreszahlen, Regierungszeiten und Schlachten. Das war es anfangs für mich auch. Bald aber bin ich dahintergekommen, dass es nicht wesentlich war, zu wissen, wann dies oder jenes geschehen war, sondern dass man erkennen muss, warum es geschehen war und wozu dies geführt hat. Denn nur daraus resultiert die Erkenntnis, dass alles Geschehen sowohl in der Zeit als auch im Raum unwiderruflich und unlösbar miteinander verknüpft ist. Christiane schreibt, das das uneingestandene Scheitern der Elterngeneration ihr viel Leid bereitet hat. Ich gehöre nur fast zu dieser Elterngeneration, denn ich war noch ein Kind als das Scheitern noch nicht greifbar war, als die meisten Menschen noch glaubten in eine bessere Zukunft zu gehen. Trotzdem war auch ich mit der unangenehmen Frage meines Sohnes konfrontiert: „Wieso habt ihr es soweit kommen lassen?“ Es ist mir bewusst, dass ich auf so eine Frage zwar die richtige Antwort geben konnte, gleichzeitig aber weiss, dass ich nicht erklären konnte, was die Gefühle der Menschen von damals waren. Man kann eben nicht die gesellschaftliche Situation der frühen Dreissigerjahre vollinhaltlich an junge Menschen vermitteln die in der Welt der Siebzigerjahre ihre Charakterbildung erfahren haben. Ich habe als Knabe die Diskussionen zwischen Sozialdemokraten und Nationalsozialisten in meiner Familie miterlebt und weiss, dass alle die einfachen Menschen von damals, nur das Beste wollten. Ich kann mich noch genau daran erinnern wie mein Vater, seinen vor Führerbegeisterung hüpfenden Sohn vor dem Hotel Imperial an den Schultern niederdrückte und zwischen den Zähnen murmelte: „Faschismus heisst Krieg, Bua!“ Aber wenn ein ganzes Volk keine andere Alternative mehr sieht um aus der Hoffnungslosigkeit zu entkommen und die ganze Welt-ausser Mexiko- zur Kenntnis nimmt, dass es dieses Land nicht mehr geben soll, wer wirft da den ersten Stein? Und ich entsinne mich der bitteren und reuigen Worte meines Onkels, der illegaler Nazi war, in seinem letzten Brief vom Mittelabschnitt der Ostfront. Aber da war es schon lang zu spät und er hat es mit seinem Leben bezahlt, wie Tausende andere jungen Menschen auch. Solange wir alle aus dieser Katastrophe, der Unmenschlichkeit der KZs, dem Abschlachten im Felde und dem Bombenterror etwas gelernt haben ist das wenigstens für Europa ein Segen. Anderenorts hat sich das leider noch nicht herumgesprochen und ich glaube auch nicht daran, dass die mentale Evolution des homo sapiens auf einem geraden und einfachen Weg erfolgt. Richtig ist, dass der Ausgangspunkt jeder Generation aufgrund gemachter Erfahrungen höher liegt, als jener der vorausgegangenen Menschen. Aber die ungelösten Probleme der Vergangenheit bringen vom graden Weg weg und so verläuft Evolution leider wie ein Schraubengewinde in Spiralen nach oben. Und es hängt immer wieder von den gewählten Alternativen an den Schnittpunkten des Weges ab, den eine Gesellschaft geht. So ist die Menschheit in jedem Zeitpunkt selbst Kreator ihrer Zukunft. Ich hoffe so wie Christiane, aber aus einer vollkommen anderen Sichtweise, dass es möglich ist einen friedvollen, humanistischen Weg zu gehen.
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