Es ist ja durchaus nichts ungewöhnliches, dass ein Mensch, sobald er ein bestimmmtes Alter erreicht hat und die Unbekümmertheit seiner Jugendjahre abgestreift hat, sich zu fragen beginnt wo seine Wurzeln sind und warum er so geworden ist, wie er eben ist. Er beginnt die Stationen seines bisherigen Daseins zu überblicken, sieht die Zäsuren in seinem Weg und wie diese dazu beigetragen haben seinen Gedanken eine andere Richtung zu geben. Es kann ihm nicht verborgen bleiben, wie sehr sein Geschick mit dem Geschehen seiner Zeit verwoben ist, dass sein Handlungsspielraum von vornherein eingeengt ist und „Freiheit“ immer nur sehr relativiert gelebt werden kann.
Wer von sich behaupten kann, er oder sie hätte nie geirrt, muss wohl ein gottgleiches Wesen sein. Aber wenn man einen Fehler erkannt hat und dann sein Verhalten- oder seine Ansichten- nicht ändert, dann besteht doch die Gefahr den gleichen Fehler zu wiederholen. Mit einem solchen Intelligenzpotential hätte der homo sapiens wohl nicht einmal das Rad erfunden. Man kann also zu den sogenannten „Wendehälsen“ stehen wie man will- ich glaube, wenn sie es ehrlich meinen, kann man sie nicht verdammen. Ich kann das schon deswegen nicht tun, weil ich selbst oft meinen Standpunkt unter dem Eindruck neuer Erkenntnisse geändert habe und daher Verständnis dafür habe, wenn andere Menschen ebenfalls „gscheiter“ werden. Da gibt es noch das schöne Schlagwort von „Prinzipientreue“ und den „Verrrätern“, die diese Prinzipien verlassen. Aber unserer Zeit ist die Veränderung beigegeben und das was gestern noch gut und richtig war, kann heute oder morgen durchaus falsch und schädlich sein. An der Starrheit von Prinzipien oder Dogmen sind schon grosse Reiche zugrunde gegangen. Das fing schon bei den alten Sumerern an und das letzte Beispiel ist ja wohl das so festgefügt erscheinende Sowjetimperium. Aber nicht nur die weltliche Macht ist davon beroffen. In eben demselben Masse trifft das auch auf Ideen zu. So überholten sich das Wirtschaftsystem der Physiokraten ebenso wie das der Merkantilisten. Auf den Standpunkt kommt es also an, wenn er mit seiner Zeit übereinstimmt. Ändert sich das Umfeld, dann ändert sich logischerweise auch der Standpunkt.
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