Via della Pace

Aus dem Büchlein:“HURRA ICH LEBE NOCH“
von Otto Birke

Via delle Pace! Wege für den Frieden!

10 Jahre begleiten mich nun diese Worte schon, von den Dolomiten bis zu den Karnischen Alpen.

1973 entstand bei einer Gruppe die Idee, einen Teil des gewaltigen Wegenetzes zwischen Ortler und Isonzo wo 1915-1918 ein blutiger Krieg herrschte, wieder begehbar zu machen. Sie wollten den Besuchern die Sinnlosigkeit des Krieges vor Augen führen und die Einsicht erwecken, dass Kriege kein Mittel zur Austragung neuer Konflikte sein dürfen.

Unterdessen beteiligen sich Frauen und Männer aus 15 Nationen an dieser Aktion. Sie opfern ihren Urlaub und arbeiten unentgeltlich an dieser Sache.

Es war ein Zeitungsbericht, der mein Interesse weckte und -spontan wie ich bin- war ich eine Woche später am Monte Piano, auf dessen Hochplateau die erste Baustelle lag. Einen Monat später war ich Mitglied der DOLOMITENFREUNDE Und rackerte schon fleißig mit.

Wie ein roter Faden zieht sich seither diese Sache durch mein Leben und ich möchte keine Stunde missen, die ich in der herrlichen Bergwelt und meinen Freunden verbringen durfte.
Dabei war ich alles andere als schwindelfrei und sah jedes Gipfelkreuz als Rettungsanker an. Das hatte ich auch bei meiner Bewerbung vermerkt, aber es muss wohl in Vergessenheit geraten sein, denn meine erste Arbeit war, aus der Nordwand Schnee für den Koch zu holen. Als ich an der Kante stand und herunter sah, fing irgend etwas zum Klappern an und ich war mir nicht sicher, ob es die Schaufel im Kübel oder meine Zähne waren. Aber ich holte den Schnee und von da ab fing ich an, mein Schwindelgefühl zu besiegen, konnte später sogar zu Arbeiten an ausgesetzten Stellen herangezogen werden.

Eine Angst ist mir aber bis heute geblieben und die kommt, wenn sich ein Gewitter nähert. Da oben in 2300 m Höhe wochenlang im Zelt zu leben, ist eine romantische Sache, wenn sich aber furchtbare Gewitter gerade über selbigen austoben, sterbe ich hundert Tode.

Die italienischen Alpini-Soldaten im Nachbarzelt hörten wohl meine Stoßgebete und brachten mir zur Beruhigung Schnaps. Das Gesöff nennt sich Grappa und ist als Marschverpflegung in kleine Plastikbeutel abgepackt. 1 Blitz, 1 Grappa- in dieser Menge nahm ich meine Medizin ein und die Wirkung war betäubend.

Nun dachten die Alpini ich sei ein Fan dieses atemberaubenden Getränkes, holten sofort Nachschub in der Kaserne und dehnten ihr Samaritertum auch auf gewitterlose Stunden aus.

So wurde aus mir der „Grappa-Otto“ und dieses Markenzeichen ist dank der Mitarbeiter aus 15 Nationen schon ziemlich weit herum gekommen.Auch der damalige Bundespräsident von Österreich mußte es erfahren haben, merkte ich anläßlich eines Empfanges und das hat mich doch etwas schöckiert.

Einen Tag lang arbeitete der rotchinesische Luftwaffen-Attache auf meiner Baustelle. Er verehrte mir als Abschiedsgeschenk eine Flasche chinesischen Branntwein mit den Worten:

„ALLES GUTE FÜR MISTEL GLAPPEL OTTEL: DASS EL KEIN ANGST MEL HABEN BLAUCHT VOL GEWITTEL“

Kommentare

Ein Kommentar zu „Via della Pace“

  1. Avatar von Birgit-Rita Reifferscheidt
    Birgit-Rita Reifferscheidt

    Wo du überall warst, was du alles gesehen und bewegt hast. Dein Leben ist eine Schatzkiste, voll mit Geschichten. Jede einzelne bewegt mich. Du machst spürbar, welche Spuren der Krieg in dir hinterlassen hat. Welche Motivation aus diesen schrecklichen Erlebissen wachsen können. Um ein friedliches Zeichen zu setzen, hast du selbst die Höhenangst besiegt. Ich glaube, dass die Menschen es bewundert und bestaunt haben. Natürlich ist es auch ein wenig zum Schmunzeln, die Geschichte mit dem Grappa. Bestimmt überwiegt jedoch das Staunen über deinen Einsatz.

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