Es war Ende Juli-Sommer! Bergsteigersommer sogar, denn ich war auf dem Karnischen Höhenweg unterwegs. Es wäre mein 9. Wandertag geworden und ich hatte nach einem langen Abend mit dem Besitzer des Plöckenhauses und dem Almer von der Tschintemunt-Alm gut geschlafen. Mein Plan sah vor, von der italienischen Seite her um die Hohe Warte herum zum Wolayersee zu gehen. Aber ich war so nachdrücklich auf die Friedenswege auf dem kleinen Pal hingewiesen worden, dass ich beschloss einen Tag einzuschieben und mir die Arbeit der DOLOMITENFREUNDE anzusehen. Der Chef des Hauses, der damals trotz seines hohen Alters noch immer Führungen veranstaltete, sagte zwar, dass diese Woche keine Führung sei, aber er traue mir ohne weiters zu, dass ich auch allein zurecht käme. Das Tourenbuch wörtlich im Original:
9.Tag Kleiner Pal 1867m Mo 30.7
Es war selbstverständlich, dass ich diesen Berg bestieg, der im ersten Krieg eine so große Rolle gespielt hatte…..stand für mich fest, auf eigene Faust hinaufzugehen. Im Foyer des Hauses stand ein Modell der MG-Nase, im Frühstückzimmer waren alle Wände mit Fotografien und einer alten Frontkarte vollgehängt. Der Vater des Seniors dürfte einer der Organisatoren der ersten Stunde des Krieges gewesen zu sein. Also rauf! Nachts war es sehr feucht und der mit dichter Vegetation bestandene Aufstieg brachte mich schon recht ins Schwitzen. Die MG-Nase stellte sich als vollkommen rekonstruiert heraus. Die MG-Scharten waren mit Stahlschilden und Schubern abgeschlossen. …Endlich war ich aus der Vegetation heraus und es geht dann ein kleines Lüfterl. Sofort fallen grosse Kaverneneingänge auf. Sie waren dem Cellon zugewandt und mussten nach dem Verlust des Cellon-Gipfels aufgegeben werden. Die Westseite dieser Rippe sah aus wie Käse mit Löchern…. Oben dann in einer Mulde ein verschlossenes Zelt. Gegen Süd eine unübersichtliche Hochfläche. Nach ca 200 m eine Felsbarriere mit erkennbaren Stellungsresten. Nach N zu ist die Kopfstation der Materialseilbahn zu sehen. Nach O zu gelbe Markierungstafeln am Fels. Die Leute an der Seilbahn sind nicht gesprächsbereit und ich benutze den Hinweis zu einem Stollen…. Ich will aber hinauf und benutze den Klettersteig der durch einen geschützten Laufgraben zu einer Sappe führt. Von einem Paar, das mich überholt erfahre ich, dass der Abstieg ins Angerbachtal leichter ist als der Landsturmweg, den ich als Abstieg ins Auge gefasst habe. Und von einer Edelweißwiese- aber der Zugang wäre schwierig. ( Ein Edelweiß holte ich mir trotzdem ). Ich bin in dem nun folgenden Stellungsgewirr, das teils gemauert, teils in den Fels gesprengt, ist bald zuhause. Das was ich sehe ist bedrückend genug. Die hier Sommer und Winter ineinander verkrallten Männer mussten ja psychisch durchdrehen. Oft auf Wurfweite liegen die Stellungen einander gegenüber. Kärgliche Vegetation hat die Trichterfelder ein wenig zugedeckt und ihnen ein wenig das Grauen genommen…..die vordersten Sappen (trincea) waren nur 25 m voneinander entfernt. Die gegenseitigen Haupt-(Riegel)Stellungen 120-150 m mit gedeckten Laufgängen, Stahlschilden und Schießscharten…Grauenhaft!
Soweit mein Tourenbuch! Ich steige aus dem Laufgraben heraus, finde einen geeigneten Sitzstein und schau mich um. Gegenüber- etwas überhöht die italienische Hauptstellung Trincerone hinter einem Gewirr aus Stacheldraht und Granattrichtern. Das ungarisch-italienisch-deutsche Gespräch hinter und unter mir hatte aufgehört und die Freiwilligen machten wohlverdiente Mittagrast. Da sieht mich einer sitzen, klettert vom Laufgang heraus und setzt sich neben mich hin. Sein Hemd ist verschwitzt, er riecht auch so und an seinem Unterarm hat er eine verkrustete Verletzung. Und Mörtelspritzer auf der Hose. Minutenlang sagt er kein Wort, denn er spürt meine Ergriffenheit. Dann sagt er genau, das was auch ich empfinde:“Dass ma des aushalten hat kennen“ Ich nicke nur und mache „Mhm“. Und nach einer Weile: „Summer gehts ja no, aber in Winter“ Er: „Die armen Hund“
Ich:“Bist aus Bayern?“
Er nickt:“Und du?“
„I bin a Weaner!“ Anerkennendes Aufblitzen in seinen Augen.
„Mogst an Schluck?“ Er hält mir die Feldflasche hin aus der er getrunken hat.
„Dank schen. Du brauchst es notwendiger. Ich hob no gnua.“
Er hält mir die Pratzen hin. “ I bin der Otto.“
Ich nehm die Hand. Ein fester Händedruck. „Und i haß Walter!“
Ich:“Guat, dass ihr des da machts! Nur kan Kriag mehr“
Er: Vielleicht hilfts!
Ich war schon drüben beim Trincerone und sah zurück. Er saß noch auf dem Stein und sah mir nach. Langsam hob er die Hand und grüßte mit dem Salut. Es war der Gruß eines Friedensarbeiters.
Es war etwa 5 Jahre später und ich hatte vor einiger Zeit schon Ingeborg schätzen und lieben gelernt. Da rief sie mich eines Tages an: „Du- mein Cousin aus Bayern ist in Wien und er möchte gerne zum Heurigen gehen. Und ausserdem will er Dich kennenlernen. Bist Du dabei?“-„No Natürlich“
Also auf zum Heurigen. Und wer sitzt da neben Ingeborg? Der Otto vom kleinen Pal!
Klar, dass wir von der ersten Minute an Freunde waren.
DOLOMITENFREUNDE eben!