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  • Ovid und die Veränderung

    Tjaaaa! Opa hat lange geschwiegen. Nicht deswegen, weil es gesundheitlich nicht möglich gewesen wäre, zu scheiben. Nein, das war es nicht. Auch, deswegen nicht, weil so leise Anklänge von Depression zu verspüren waren. Nein, das war auch kein Grund. Denn Anlässe hätte es in reichen Ausmass gegeben. Schon das politische Kasperltheater, das uns unsere werten Koalitionsparteien fast täglich liefern, wäre ja mancher bissigen Bemerkung wert. Und depressive Menschen haben ja schon ellenlange Romane geschrieben, was ich ja sicher nicht machen werde.

    Also was war es dann, was mir den Finger von den Tasten genommen, was mich nun fast zwei Monate beschäftigt hat. Um es kurz zu sagen, war es eine Reise in die Vergangenheit und sie wurde angeregt durch die Kommentare, die der Artikel >Ein Schritt vorwärts< hervorgerufen hat und die teilweise zum Blog, aber auch per Telefon und persönlich bei mir angekommen sind.

    Ich hab mich gefragt, warum ich diesen Artikel geschrieben habe, warum ich ihn grade SO geschrieben habe, warum ich eine Zeit, die mehr als 50 Jahre zurück liegt, wieder ausgepackt habe. Und daraufhin sind ganze Pakete von Fragen in meinen grauen Zellen herumgegeistert und alle haben durcheinander nach Antworten gesucht. Was war an dem Tun des jungen Soldaten Bewusstheit, war es nur oberflächliches Bedürfnis nach Ausrasten, was ist da an Unbewusstem mit hochgekommen, waren da auch schon charakterliche Anlagen erkennbar, kann man da von Mut sprechen oder war es ein bisschen Leichtsinn? Und die bereits abgelaufene Dienstzeit? Mein Verhalten und die Geschehnisse beim Arbeitsdienst? Wie passt das zusammen? Und wie war das danach in Italien. Erinnerung auf längst Verdrängtes und oft Unausgesprochenes waren plötzlich da.

    Mir war als träte ich aus mir heraus, als betrachtete ich einen Menschen, den ich ein ganzes Leben mit mir herumgeschleppt hatte und den ich fast nicht erkannte. Ich erinnerte mich plötzlich der Menschen die damals um mich waren, Namen fielen mir wieder ein und Gesichter. Ich suchte Rettung in einem Buch. Es war ein alter Lateiner. Er hatte etwas erkannt und ausgesprochen in seinen Metamorphosen . Ob ihn Augustus deswegen ans Ende der Welt verbannt hat? Ich weiss es nicht.

    Aber er hatte erkannt, dass man beim (Be)Schreiben sich selbst verändert. Und das musste ich auch zur Kenntnis nehmen. In diesem Sinne danke ich allen, die über meinen kleinen Artikel nachgedacht haben und dies vielleicht noch immer tun.

  • Nicht unerwähnt

    bleiben sollte eine von den wenigen guten Sonntagvormittagsendungen des ORF. Ehe ich zu den Sportübertragungen von Kitzbühel schaltete, sah ich noch bei ORF 2 „vorüber“. Und da erklang die klare, reine Barockmusik von Vivaldi. Aber nicht nur das, die Stimme von Cecilia Bartoli machte diese Minuten zu einem echten Erlebnis. Wie diese Sängerin es versteht mit nur einer kleinen Veränderung der Lippenspannung den Tönen, die ihrer Kehle entströmen eine derartige emotionale Steigerung zu verleihen ist wirklich sensationell. Ich kenne sie nun seit beinahe sechzehn Jahren, als sie noch ganz „neu“ auf der Fernsehszene war. Aber sie hat in dieser Zeit eine Entwicklung durchgemacht, die sie zu einer der besten Mezzosopranistinnen und Liedsängerinnen der Gegenwart werden liessen. Welche Wohltat diese Klänge zu hören in der Dekadenz dieser materialistischen Zeit.

  • Der Standpunkt

    Es ist ja durchaus nichts ungewöhnliches, dass ein Mensch, sobald er ein bestimmmtes Alter erreicht hat und die Unbekümmertheit seiner Jugendjahre abgestreift hat, sich zu fragen beginnt wo seine Wurzeln sind und warum er so geworden ist, wie er eben ist. Er beginnt die Stationen seines bisherigen Daseins zu überblicken, sieht die Zäsuren in seinem Weg und wie diese dazu beigetragen haben seinen Gedanken eine andere Richtung zu geben. Es kann ihm nicht verborgen bleiben, wie sehr sein Geschick mit dem Geschehen seiner Zeit verwoben ist, dass sein Handlungsspielraum von vornherein eingeengt ist und „Freiheit“ immer nur sehr relativiert gelebt werden kann.

    Wer von sich behaupten kann, er oder sie hätte nie geirrt, muss wohl ein gottgleiches Wesen sein. Aber wenn man einen Fehler erkannt hat und dann sein Verhalten- oder seine Ansichten- nicht ändert, dann besteht doch die Gefahr den gleichen Fehler zu wiederholen. Mit einem solchen Intelligenzpotential hätte der homo sapiens wohl nicht einmal das Rad erfunden. Man kann also zu den sogenannten „Wendehälsen“ stehen wie man will- ich glaube, wenn sie es ehrlich meinen, kann man sie nicht verdammen. Ich kann das schon deswegen nicht tun, weil ich selbst oft meinen Standpunkt unter dem Eindruck neuer Erkenntnisse geändert habe und daher Verständnis dafür habe, wenn andere Menschen ebenfalls „gscheiter“ werden. Da gibt es noch das schöne Schlagwort von „Prinzipientreue“ und den „Verrrätern“, die diese Prinzipien verlassen. Aber unserer Zeit ist die Veränderung beigegeben und das was gestern noch gut und richtig war, kann heute oder morgen durchaus falsch und schädlich sein. An der Starrheit von Prinzipien oder Dogmen sind schon grosse Reiche zugrunde gegangen. Das fing schon bei den alten Sumerern an und das letzte Beispiel ist ja wohl das so festgefügt erscheinende Sowjetimperium. Aber nicht nur die weltliche Macht ist davon beroffen. In eben demselben Masse trifft das auch auf Ideen zu. So überholten sich das Wirtschaftsystem der Physiokraten ebenso wie das der Merkantilisten. Auf den Standpunkt kommt es also an, wenn er mit seiner Zeit übereinstimmt. Ändert sich das Umfeld, dann ändert sich logischerweise auch der Standpunkt.

  • ….und doch gefunden

    Es ist nun schon fast zwei Monate her, dass ich einen Beitrag schrieb dessen Titel in den ominösen Punkten mündete, die im allgemeinen eine Fortsetzung erfordern. Die meisten Leser konnten wahrscheinlich auch nicht viel damit anfangen, denn es war eine rein persönlich empfundene Schilderung einer Wanderung zur Adventzeit.

    Es war etwa zwei Jahre später. Wieder war es Winter. Es wehte ganz grauslich und es war saukalt. Die Wandergruppe hatte sich in eine Schutzhütte gerettet und nachdem man sich mit heisser Suppe und Glühwein etwas erfangen hatte, brachte jemand das Gespräch auf eben jene Adventfeier. Erstaunt hörte ich zu wie Ingeborg- die inzwischen meine Partnerin geworden war- über jenen gemütlichen Abend und die darauf folgende morgendliche Wanderung zum Preiner Gscheid erzählte. Vom Stapfen durch die Schneewehen und dem bitter kalten Sturm. Und von dem Mittagessen danach im Gasthof, wo kaum mehr ein Platz zu finden war, wegen einer Hochzeitsfeierlichkeit und wir eng zusammenrücken mussten um alle noch Platz zu finden. „Wieso weisst denn DU das? Du warst doch gar nicht dabei?“ „Aber selbstverständlich! Ich bin doch neben dem Gerhard gesessen! Aber Dich hab ich nicht gesehen!!!“ Nachdem uns Teilnehmer der damaligen Fahrt glaubhaft versichert hatten, dass wir beide wirklich anwesend waren und uns nur trotz der geringen Zahl der Anwesenden einfach nicht wahrgenommen hatten, schlossen wir den Disput kopfschüttelnd ab. Und heute noch- wenn die Rede auf die Rax kommt- erhellt sofort ein Lächeln unser Gesicht und wir werfen uns einen schelmischen Blick zu.

    Es ist doch was seltsames in diesem Leben. Da trottest du dahin- ohne Plan und ohne Ziel. Du hebst aus dem Fluss des Lebens eine Handvoll Kiesel. Achtlos wirfst du sie wieder ins Wasser zurück. Wäre da nicht dieser eine Lichtstrahl, der einen Kiesel aufleuchten liesse. Und du musst zugreifen und ihn nicht mehr loslassen. Ich habe meinen Edelstein gefunden. Ich habe ihn nicht gesucht und doch gefunden.

  • Sinn der Geschichte

    Der Kommentar zu meinem Beitrag –MEIN– brachte mir Zugang zur website von Christiane Windhausen. Viele ihrer Nachdenkresultate decken sich mit meinen Zugängen vollkommen. Manches finde ich problematisch, nichts aber eigentlich verkehrt.

    Ganz besonders habe ich mich auseinandergesetzt mit dem Kapitel: Der Sinn der Geschichte. Für viele Menschen ist die Beschäftigung mit Geschichte ein trockenes Herunterbeten von Jahreszahlen, Regierungszeiten und Schlachten. Das war es anfangs für mich auch. Bald aber bin ich dahintergekommen, dass es nicht wesentlich war, zu wissen, wann dies oder jenes geschehen war, sondern dass man erkennen muss, warum es geschehen war und wozu dies geführt hat. Denn nur daraus resultiert die Erkenntnis, dass alles Geschehen sowohl in der Zeit als auch im Raum unwiderruflich und unlösbar miteinander verknüpft ist. Christiane schreibt, das das uneingestandene Scheitern der Elterngeneration ihr viel Leid bereitet hat. Ich gehöre nur fast zu dieser Elterngeneration, denn ich war noch ein Kind als das Scheitern noch nicht greifbar war, als die meisten Menschen noch glaubten in eine bessere Zukunft zu gehen. Trotzdem war auch ich mit der unangenehmen Frage meines Sohnes konfrontiert: „Wieso habt ihr es soweit kommen lassen?“ Es ist mir bewusst, dass ich auf so eine Frage zwar die richtige Antwort geben konnte, gleichzeitig aber weiss, dass ich nicht erklären konnte, was die Gefühle der Menschen von damals waren. Man kann eben nicht die gesellschaftliche Situation der frühen Dreissigerjahre vollinhaltlich an junge Menschen vermitteln die in der Welt der Siebzigerjahre ihre Charakterbildung erfahren haben. Ich habe als Knabe die Diskussionen zwischen Sozialdemokraten und Nationalsozialisten in meiner Familie miterlebt und weiss, dass alle die einfachen Menschen von damals, nur das Beste wollten. Ich kann mich noch genau daran erinnern wie mein Vater, seinen vor Führerbegeisterung hüpfenden Sohn vor dem Hotel Imperial an den Schultern niederdrückte und zwischen den Zähnen murmelte: „Faschismus heisst Krieg, Bua!“ Aber wenn ein ganzes Volk keine andere Alternative mehr sieht um aus der Hoffnungslosigkeit zu entkommen und die ganze Welt-ausser Mexiko- zur Kenntnis nimmt, dass es dieses Land nicht mehr geben soll, wer wirft da den ersten Stein? Und ich entsinne mich der bitteren und reuigen Worte meines Onkels, der illegaler Nazi war, in seinem letzten Brief vom Mittelabschnitt der Ostfront. Aber da war es schon lang zu spät und er hat es mit seinem Leben bezahlt, wie Tausende andere jungen Menschen auch. Solange wir alle aus dieser Katastrophe, der Unmenschlichkeit der KZs, dem Abschlachten im Felde und dem Bombenterror etwas gelernt haben ist das wenigstens für Europa ein Segen. Anderenorts hat sich das leider noch nicht herumgesprochen und ich glaube auch nicht daran, dass die mentale Evolution des homo sapiens auf einem geraden und einfachen Weg erfolgt. Richtig ist, dass der Ausgangspunkt jeder Generation aufgrund gemachter Erfahrungen höher liegt, als jener der vorausgegangenen Menschen. Aber die ungelösten Probleme der Vergangenheit bringen vom graden Weg weg und so verläuft Evolution leider wie ein Schraubengewinde in Spiralen nach oben. Und es hängt immer wieder von den gewählten Alternativen an den Schnittpunkten des Weges ab, den eine Gesellschaft geht. So ist die Menschheit in jedem Zeitpunkt selbst Kreator ihrer Zukunft. Ich hoffe so wie Christiane, aber aus einer vollkommen anderen Sichtweise, dass es möglich ist einen friedvollen, humanistischen Weg zu gehen.

  • Unchained

    Heute nacht in 3sat gesehen: Die Wiedergabe eines Konzerts von RAY CHARLES. Faszinierend der grosse alte Mann des Soul. Ich habe die Augen zugemacht und nur mit meiner Seele gefühlt. Natürlich war dabei Unchained My Heart und ebenso I Can´t Stop Loving You. SOUL: Ganz tief hineinhorchen in sich selbst und Du findest ein Wesen, das niemand kennt.

  • IN GOD WE TRUST

    Die vergangenen Jahrhunderte sind uns schon lange aus dem Blickfeld entschwunden. aber allein aus dem letzten Jahrhundert sehe ich eine Legion von Ermordeten. Ermordet durch eine geistige Fehleistung. Sie hat immer am Wortende einen -ISMUS angehängt bekommen. Islamismus, Zionismus, Katholizismus, Faschismus et cetera. Fanatismus eben. Und das alles oft im Namen eines mildtätigen Gottes.

    Aber wenn dann einer sich selbst entschliest, zu sterben, dann reden sie gross von Moral und Ethik und Euthanasie und verweigern ihm in geweihter Erde begraben zu werden. Ich habe einen-zugegebenermassen- unheiligen Neujahrswunsch. Die schwarz und kardinalrot und purpurgewandeten Verweigerer mögen sich vorstellen ein Jahr bewegungslos an eine Maschine gefesselt zu sein und nur mit den Augen um Barmherzigkeit betteln zu dürfen. Nur ein Jahr– nicht zehn!

    Und ein GI erlöst einen Verwundeten Iraker indem er ihm mildtätigerweise ins Gesicht schiesst. Wie lautet die Staatsdevise der USA?

    IN GOD WE TRUST

  • MEIN

    Der deutschen Grammatik nach ist mein ein besitzanzeigendes Fürwort. Wenn die Grammatik an sich zwar ein recht ungeliebtes Sprachvehikel darstellt, so ist das Wörtchen mein nichtsdestotrotz eines jener Worte, dessen der Sprecher sich sehr gerne bedient. Es drückt eben Besitz aus, Stolz etwas zu haben, was andere vielleicht gerne hätten, was man im Leben erreicht hat. Es steht in engster Beziehung zum EGO. MEIN Mercedes, MEIN Haus, MEINE Stereoanlage, MEIN Weblog. Solange es um Neutra geht ist das auch wunderbar. Auch solange es um den eigenen Körper geht ist das Wort auch noch sehr angebracht. MEINE Nase rinnt, MEIN Arm schmerzt. Ein wenig anders hört es sich schon an wenn es um anderes Leben geht. MEIN Kanarienvogel oder MEIN Hund ist auch noch denkbar, vor allem deswegen weil in unserem Rechtsgebrauch Tiere ja „Dinge“ sind. Aber wie anders wird das Wort MEIN, wenn es vor fremden Leben steht. Ist es denn nicht so, dass dem Wort MEIN auch die absolute Verfügungsgewalt zugeeignet wird. Wie steht es dann bei MEINE Eltern? Da geht es ja grade noch, aber wie, bei MEINE Frau oder MEIN Mann oder am schlimmsten MEINE Kinder!! Lesen, hören und sehen wir doch fast Tag für Tag wie sehr mit MEIN Schindluder getrieben wird, wie man vollkommen missversteht was MEIN bedeutet. Nämlich zuallerletzt Besitz, sondern Zueignung und vom Tier angefangen vor allem Liebe. Ich werde darauf noch zurückkommen.

  • calamaretti

    Während der Feiertage hab ich mir zwei Bücher von Camilleri zu Gemüte geführt. Sein Commissario Montalbano erinnert mich in seiner reschen und ungeschminkten Art sehr an den Commissario Trautmann, der in den dunklen Gefilden der Leopoldstadt ebenso für Recht und Ordnung sorgt wie Montalbano an den Gestaden des Mittelmeeres. Vor allem lernt man, was so ein Sizilianer alles verdrückt und was man alles essen kann. Wovon ein gestandener Mitteleuropäer keine Ahnung hat. Muss schon ein ordentlicher Feinspitz sein, der Montalbano und sein Schöpfer.

  • Traum und Tag

    Unwillig rücke ich mit geschlossenen Augen an die Wand. Ich spüre wie Du die Decke angehoben hast und zu mir hereinschlüpfst. Dein Kopf kuschelt sich in meine Armbeuge. Ich murre ein wenig, denn ich bin noch nicht ganz ausgeschlafen. Der Krimi hat gestern bis nach Mitternacht gedauert und als ich zu Bett ging, hast Du schon lang und selig geschlafen. Trozdem ist es wunderschön Deinen Körper zu umarmen. Ich versuch ein Auge zu öffnen. Draussen ist es noch winterdunkel. Brrrr, und sicher kalt. Wie schön ist es dagegen Deine Wärme zu spüren. Ich mach das Auge wieder zu, meine Hand streichelt über Deine Wange, zeichnet den Bogen Deiner Augenbrauen nach. Du reckelst Dich wohlig in meiner Umarmung. Wie schön ist es neben Dir zu erwachen, Geliebte. Die Minuten zwischen Traum und Tag– ich möchte sie nicht missen. Sehnsuchtsvoll strecke ich meine Hände aus, um den Augenblick festzuhalten und doch — er entflieht. „Soo, jetzt mach ich Frühstück!“ und Du bist weg. Sse la wie, wie der Franzose sagt. Hart ist das Leben!